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Bürgermeisterkandidat: Zwischen Stolz und Demut

Von Im Urlaub scheut sich Leonhard Helm bei der Buchauswahl nicht vor schwerer Kost. Das Wettrennen um den Chefposten im Rathaus nimmt er nicht auf die leichte Schulter. Und als Waage und Jurist ist im die richtige Balance wichtig.
Ölbilder mit romantischen Motiven zieren Leonhard Helms Wohnzimmer. Hier sitzt er gern und liest. Ölbilder mit romantischen Motiven zieren Leonhard Helms Wohnzimmer. Hier sitzt er gern und liest.

Im Nebenraum ist ein Staubsauger zu hören. „Der sucht seine Station“, erklärt Leonhard Helm. Königsteins Bürgermeister ist technikaffin, keine Frage. Tablet und Smartphone sind wichtige Instrument für ihn, um Termine zu koordinieren und Texte zu verfassen. Sein Blue-Ray-Sammlung umfasst um die 600 Filmtitel, im Wohnzimmer hängt ein mächtiger Flachbildschirm zwischen Bücherregalen und Ölbildern mit romantischen Motiven. Seine Musiksammlung hat Helm auf einer Playstation, zusätzlich zu Platten und Plattenspieler.

Als die Hochzeit der Pokémon-Jagd war hat Helm das Computerspiel als zusätzliche Motivation, so wie andere einen Hund haben oder einen Schrittzähler einsetzen, genutzt, nachts spazieren zu gehen. Und er war überrascht, wen er bei der Jagd nach den virtuellen Monstern in den Parks und Straßen Königsteins getroffen hat. „Ich habe die Stadt mit ihren vielen Facetten aus ganz anderen Blickwinkeln gesehen – und viele jüngere Leute getroffen.“ Und zwar solche, die man nicht unbedingt in der Politik treffe.

Nächtliche Spaziergänge

Die nächtlichen Spaziergänge – Bewegung überhaupt – fehlten ihm im Moment. Das hat etwas mit der hohen Arbeitsbelastung, dem Wahlkampf und der Wohnsituation zu tun. „Meine Familie, das sind die Senioren“, sagt Helm, der als unabhängiger Kandidat antritt, allerdings ein CDU-Parteibuch hat und von der Königsteiner CDU unterstützt wird. Seine Mutter wohnt im selben Haus – und zwei ihrer Geschwister: ein Bruder und eine Schwester. Gerade mit seiner Tante verbindet Helm eine enge Beziehung. Den gemeinsamen sonntäglichen Gottesdienstbesuch ausfallen zu lassen, das kommt nicht in Frage. Helm kocht sonntags für seine Familie, verbringt auch nach dem Essen noch Stunden mit Mutter, Tante und Onkel. „Es macht mir Freude zu sehen, dass sie das genießen. Das wiederum gibt mir Halt.“

Auch Niederlage möglich

Den braucht auch ein amtierender Bürgermeister. Etwa dann, wenn ihm vorgeworfen wird, in den vergangenen zwölf Jahren, also während seiner beiden bisherigen Amtszeiten, sei nichts geschehen, habe sich nichts bewegt. „Das ist fast schon ehrabschneidend. Gerade wenn der Vorwurf von einem Partner kommt, geht einem das schon ein bisschen nahe“, sagt Helm, der jetzt zum dritten Mal antritt. Und der sich mit drei Herausforderern konfrontiert sieht: Neben dem parteilosen Winfried Gann und der ALK-Kandidatin Nadja Majchrzak tritt für die FDP Ascan Iredi an. Die Liberalen sind Teil der Koalition in der Stadtverordnetenversammlung, zu der auch CDU, SPD und Grüne gehören.

„Einen zweiten Wahlgang halte ich für wahrscheinlich. Auch wenn in den Lehrbüchern immer steht, man soll optimistisch sein, muss ich auch eine Niederlage als Möglichkeit einkalkulieren“, räumt Helm unumwunden ein. Ohnehin sei eine gesunde Balance zwischen Stolz auf das Erreichte auf der einen und Demut vor dem Wähler auf der anderen Seite wichtig. Konkurrenz sieht der 53-Jährige übrigens nicht als einen Nachteil an, vielmehr als eine weitere Motivation zu kämpfen.

„Ich habe das Gefühl, ich werde noch gebraucht“, sagt der Amtsinhaber. Nach zwölf schwierigen Jahren, in denen es ums Sparen und Konsolidieren des Haushaltes gegangen sei, gelte es jetzt, langfristige und komplizierte Projekte zu Ende zu führen. Das tiefe Tal sei durchschritten. Helm: „Man will als Bürgermeister auch ernten, wenn man jahrelang dafür geackert hat.“

Helm bezeichnet sich selbst als einen „Suchtleser“ – vor allem an freien, verlängerten Wochenenden und im Urlaub. Science Fiction und Thriller dürfen es auch mal sein, doch häufig sind es Bücher, die sich mit schwierigen Themen auseinandersetzen. Mehrfach habe er den Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel über den Völkermord an den Armeniern gelesen. In kleinen Abschnitten arbeitet sich Helm derzeit durch „Mao: The Unknown Story“, eine kritische Biografie aus der Feder von Jung Chang und Jon Halliday durch. „Das ist schwere Kost“, sagt Helm und meint damit vor allem die Brutalität, mit der Mao selbst gegen Freunde vorgegangen ist, wenn er daraus einen Nutzen ziehen konnte.

Auf Ausgleich bedacht

Ungerechtigkeiten kann Helm nicht leiden. „Da bin ich nicht nur Jurist, sondern auch eine typische Waage.“ Schon Zuhause sei es das Schlimmste gewesen, jemandem Ungerechtigkeit vorzuwerfen.

Helm verbrachte seine frühe Kindheit in Königstein, seine Schulzeit indes in Nürnberg. 1985, nach Bundeswehrzeit und dem ersten Semester in Erlangen, kehrte er nach Königstein zurück. „Königstein war immer mein Zuhause“, sagt Helm. Was er schätze, sei die Kombination der Schönheit der Landschaft mit den Möglichkeiten der Stadt.

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