Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

„Beutekunst wird sich nie ganz verhindern lassen“

Dr. Tanja Bernsau hilft als promovierte Kunsthistorikerin, die Herkunft von Kunstwerken zu erforschen. Als Provenienzforscherin hat sie sich auf die Untersuchung der NS-Zeit spezialisiert. Aktuell arbeitet sie an der Erforschung der Provenienz der Kunstsammlung von Martin Flersheim, einem jüdischen Geschäftsmann aus Frankfurt. TZ-Reporter David Schahinian befragte die Wiesbadenerin.
Dr. Tanja Bernsau Dr. Tanja Bernsau

Wie konnte es trotz der Arbeit der Monuments Men und zentraler Kunst-Sammelstellen, darunter einer in Wiesbaden, gelingen, dass die beiden Bilder außer Landes geschafft wurden?

DR. TANJA BERNSAU: Die Monuments Men standen – in der dann doch verhältnismäßig kurzen Besatzungszeit – vor der immensen Aufgabe, Kunstgegenstände jeglicher Art, die sie unter anderem in Bergwerken und unterirdischen Depots auffanden, zu inventarisieren und an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben. Das geschah hauptsächlich in den zentralen Sammelstellen (Central Collecting Points), die die Kunstschutzoffiziere dafür installiert hatten. Alleine im Wiesbadener Collecting Point wurden rund 700 000 Kunstwerke entgegengenommen. Da verwundert es nicht, wenn Einzelstücke einen anderen Weg als geplant nehmen. Und auch wenn es streng verboten war, Beutekunst an sich zu nehmen – man wird wohl nie ganz zu verhindern wissen, dass Soldaten Souvenirs mit nach Hause nehmen. Oft sind sie sich ja über den Wert des einzelnen Kunstwerkes gar nicht im Klaren.

Die Bilder sind erst nach 70 Jahren an ihren Ursprungsort zurückgekehrt. Rechnen Sie mit weiteren solcher Funde in der Zukunft?

BERNSAU: Ich rechne durchaus noch mit weiteren solcher Funde in absehbarer Zeit. Die letzten Teilnehmer des Zweiten Weltkriegs vererben nun ihre Besitztümer an ihre Kinder und Enkel, die sich möglicherweise über die Herkunft der Kunstwerke wundern. Der Film „The Monuments Men“ und die darum entstandene Presseaufmerksamkeit hat sicherlich dazu beigetragen, dass man mehr über Kunstraub im Zweiten Weltkrieg weiß und sich auch darüber bewusst ist, dass diese Kunstwerke zurückzugeben sind.

Was trieb die Monuments Men damals an, sich für den Kriegsgegner einzusetzen? Wie ist ihre Arbeit aus heutiger Sichtweise einzuschätzen?

BERNSAU: Die Monuments Men hatten es sich zum Ziel gesetzt, Kulturgut zu schützen. Dabei war ihnen bewusst, dass das nationale Kulturerbe bedeutsam für den kulturellen Wiederaufbau ist. Deshalb war es ihnen wichtig, nicht nur das Kulturgut vor der Zerstörung zu bewahren, sondern auch, es (solange es eindeutig deutsches Eigentum ist) in Deutschland zu behalten. Aus heutiger Sicht ein dankenswerter Ansatz, da sonst vermutlich noch mehr ehemals deutsche Kunstwerke in amerikanischen und britischen Museen hängen würden – ganz legal.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse