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Tierhilfe: Ein Vermächtnis für die Tiere

Von Dr. Kirsten Tönnies reiste nach Montenegro, um ehrenamtlich Straßentiere zu kastrieren. Die Aktion ist das Vermächtnis einer jungen Hattersheimerin, die Anfang des Jahres überraschend starb.
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Kelkheim. 

Traumhafte Strände, malerische Yachthäfen, unberührte Natur: Montenegro ist ein Traumziel für Urlauber. Für Tiere ist es die Hölle. Junge Kätzchen werden lebendig in Müllbeuteln entsorgt, erschlagen, ertränkt. Diejenigen, die nicht gleich nach der Geburt getötet werden, sterben irgendwann an Hunger oder Krankheit. Kastrationen? Fehlanzeige. Hunde, die überfahren werden, verenden qualvoll im Straßengraben. Einheimische Tierärzte behandeln Straßentiere nicht. Für tierliebe Besucher aus dem Norden Europas sind die Zustände in dem kleinen Land an der Adriaküste ein Kulturschock.

So ging es Jessica Monroe aus Eddersheim, die sich vor einigen Jahren in einen Mann aus Montenegro verliebte, ihn heiratete und ihm in seine Heimat folgte. Das Leid der Straßentiere erschütterte die junge Frau. Sie beschloss, etwas gegen das Elend zu unternehmen. Zusammen mit ihrem Mann baute sie in Podgorica, der Hauptstadt Montenegros, eine hochmoderne Tierarztpraxis auf. Dort wollte sie im Frühjahr mit Hilfe deutscher Tierärzte eine Kastrationsaktion auf die Beine stellen. Deshalb sprach ihre Mutter im vergangenen Jahr die Kelkheimer Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies an, die in Hattersheim eine Kleintierpraxis betreibt. Die Veterinärin, die sich unermüdlich ehrenamtlich im Tierschutz engagiert, sagte sofort zu. „Anfang des Jahres bekam ich dann die schreckliche Nachricht, dass Jessica mit 37 Jahren völlig unerwartet gestorben ist. Trotzdem hat sich die Familie entschlossen, die Kastrations-Aktion – sozusagen in memoriam für Jessica – durchführen“, schildert Kirsten Tönnies den tragischen Hintergrund.

Am 1. Mai schloss sie ihre Praxis und fuhr zum Flughafen. „Es war genau der Tag, an dem das Radrennen um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt wegen des vermeintlichen islamistischen Terroranschlags abgesagt wurde und das Narkosegerät, das ich im Gepäck hatte, sah aus wie eine Bombe.“ Nachdem sie die sehr umfangreiche Flughafenkontrolle hinter sich gebracht hatte, konnte sie in den Flieger Richtung Montenegro steigen.

In Podgorica angekommen, ging sie sofort an die Tierschutz-Arbeit: Sieben Tage lang stand die zierliche Veterinärin nahezu rund um die Uhr am OP-Tisch, um Hunde und Katzen zu kastrieren. „Ich denke, wir haben etwa 60 Tiere – davon ein Drittel Katzen, zwei Drittel Hunde kastriert.“ Und nicht nur das: Man brachte ihr verletzte, kranke Tiere. Tiere, die so schlimm zugerichtet waren, das selbst die hartgesottene Tierärztin schlucken musste. Zum Beispiel, als ihr ein junger Mann einen mageren, kleinen Kater brachte, aus dessen offenem Bauch Blut und die Eingeweide quollen. „Er soll angeschossen worden sein, ist aber nicht medizinisch versorgt worden. Sein Bauch faulte schon. Ich habe ihn erst mal sediert und hatte eigentlich wenig Hoffnung, dass man viel machen könnte.“ Dennoch probierte sie es und operierte den kleinen roten Kater. Dabei entdeckte sie, dass er zudem noch an einer schlimmen Fraktur litt. Doch der Überlebenswille des kleinen Katers war unbändig: Sein Zustand war nach dem Erwachen aus der Narkose äußerst kritisch. Doch ein paar Tage später hatte er sich stabilisiert und begann zu fressen. „Es war ein Wunder. Wir waren total glücklich und tauften den kleinen Patienten ,Lucky’. Das größte Wunder war für uns, zu beobachten, wie zutraulich und anhänglich er wurde, obwohl er bisher nur ganz schlimme Erfahrungen mit Menschen gemacht hatte“, schildert die Tierärztin.

Kaum eines der Tiere, die sie behandelte, war älter als zwei Jahre. Auch die hübsche weiß-getigerte Katzenmama, die mit ihren Jungen in der Station aufgenommen wurde, nicht. Sie war völlig geschwächt und trotzdem wurde sie zur Lebensretterin von drei winzigen Katzenwelpen, die in einem zugeschnürten Beutel gefunden und zu Kirsten Tönnies gebracht wurden. „Wir haben sie zu der jungen Katzenmutter gelegt und diese hat sie angenommen und sofort gesäugt.“

Doch nicht jede Geschichte hatte ein Happy End. Für etliche der Tiere kam jede Hilfe zu spät, ihre Verletzungen oder Erkrankungen waren durch das Leben auf der Straße und die mangelnde Versorgung so weit fortgeschritten, dass ihnen nicht mehr zu helfen war – sie mussten eingeschläfert werden. „Darunter waren viele, die bei rechtzeitiger tiermedizinischer Behandlung überlebt hätten. Deshalb ist diese Station in Podgorica so wichtig“, betont die Veterinärin, die schon zugesagt hat, auch im nächsten Jahr wieder nach Montenegro zu fliegen, um den Straßentieren dort zu helfen.

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