Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Hauptfriedhof: Ein lebendiger Ort der Trauerkultur

Von Trauer und Tristesse verbinden die meisten mit dem Friedhof. Doch auch im Totenmonat November geht es dort zuweilen quicklebendig zu.
Die Mustergräber am Eingang wurden 2001 angelegt und werden jedes Jahr von den Abschlussprüflingen der Friedhofsgärtnereien gestaltet. Foto: Knapp Die Mustergräber am Eingang wurden 2001 angelegt und werden jedes Jahr von den Abschlussprüflingen der Friedhofsgärtnereien gestaltet.
Kelkheim. 

Wie kleine Wolken aus Goldstaub rieseln die filigranen Blätter der Birken sachte hinunter und bedecken die Mustergräber am Eingang des Hauptfriedhofs. Eine Amsel hüpft geschäftig umher, pickt emsig in der Erde herum, auf der Suche nach Nahrung. Aufgeregt zerrt sie einen dicken Regenwurm hervor, den sie nach einem kleinen Kampf genüsslich verspeist.

Auf der Grünfläche vor der gegenüberliegenden Trauerhalle tummeln sich Saatkrähen und Elstern, die wippend über den Boden hopsen und lauthals kreischen, sobald sich Menschen nähern. Es ist ruhig hier, ab und an kommt jemand den kleinen Weg seitlich der Halle entlang, um die nahe gelegene Toilette aufzusuchen. Das Laub, das die Herbstböen in den vergangenen Tagen von den mächtigen Bäumen, die den Charakter des Friedhofs prägen, geweht haben, verwandelt die Wege in kunterbunte Teppiche, die in der milden Mittagssonne leuchten.

42 Jahre verheiratet

„Sobald es feucht ist, wird es hier gefährlich rutschig“, meint eine ältere Dame, die am Arm eines junges Mannes den mit Laub bedeckten Hauptweg entlangläuft, vor der gläsernen Vitrine stehen bleibt und interessiert die Aushänge studiert. Zwei Mal pro Woche kommt sie aus Zeilsheim hierher, seit ihr Ehemann gestorben ist. Vor zwei Jahren war das. „Jetzt bin ich allein. Die Kinder wohnen nicht hier. 42 Jahre waren wir verheiratet, haben alles zusammen gemacht. Ich habe kein Auto. Mit dem Bus hierherzukommen, ist sehr mühselig. Zum Glück habe ich den Sohn meiner Nachbarn, der mich hierher fährt und begleitet, damit ich nach dem Rechten sehen kann. Vor kurzem haben sie mir den kleinen Engel gestohlen, den ich an den Grabstein gestellt hatte – ist das nicht traurig? Was wollen die Leute damit?“ Dennoch ist sie froh, dass das Grab ihres Mannes in Kelkheim ist, „eigentlich wird sonst hier nichts gestohlen und man muss auch nicht so viel Angst haben, wenn man hier tagsüber allein hingeht – es sind normalerweise immer Leute da.“

An diesem Mittag um 12 Uhr sogar ziemlich viele. Es ist Zeit für die Herbstbepflanzung. Fast alle, die ihr Auto auf dem Parkplatz am Hauptfriedhof abstellen, holen mit Erika, Chrysanthemen oder Scheinbeeren beladene Kartons und Blumenerde aus dem Kofferraum. Die meisten von ihnen Ehepaare um die 70. Auch Anita und Karl Pracht nutzen die wärmende Mittagssonne an diesem kalten klaren Herbsttag, um das Urnengrab seiner Familie zu bepflanzen. Mehrmals pro Woche macht das Ehepaar aus Bad Soden beim Spaziergang mit dem Hund einen Abstecher zum Hauptfriedhof. „Wir laufen von Soden hierher“, erzählt Anita Pracht, die mit ihrem drolligen kleinen Mischlingsrüden vor dem Eingang warten muss, während ihr Mann „auf einen Sprung“ am Grab seiner Eltern schaut, „ob der Gärtner die grüne Umrandung in Ordnung gebracht hat.“

„Es ist ein schönes Fleckchen hier – sehr natürlich, aber gepflegt. Es ist alles kleiner und weniger prunkvoll als beispielsweise auf dem Frankfurter Südfriedhof, wo man wunderschöne historische Grabmäler entdecken kann. Das hier ist halt noch ein junger Friedhof“, meint der Rentner, der anmerkt, dass die Urnenreihengräber, die einen großen Teil des parkähnlich angelegten Areals bedecken, künftig vermutlich von anderen Bestattungsformen abgelöst würden. „Urnenwände, wie man sie aus Italien kennt“ kann er sich stattdessen vorstellen, oder auch „Friedwald-Bestattungen“, sagt er, bevor er sich verabschiedet und zum Hauptweg marschiert. Dort strömen zahlreiche Friedhofsbesucher nach getaner Arbeit zum Parkplatz, um nach Hause zu fahren.

Ruhig ist es, nur das Rauschen der Blätter ist zu hören. Auch der Bagger, der bis vor wenigen Minuten zwischen den Gräberreihen seitlich des Hauptwegs brummte, steht nun still. Peter Krausgrill verlässt des Führerhäuschen, sein Kollege Hans Toth legt die Schaufel beiseite und zieht die dicken Arbeitshandschuhe aus. Seit dem Morgen sind die beiden Arbeiter mit dem Erdaushub für neue Urnengräber beschäftigt und bereiten das Verlegen neuer Steinplatten vor. „Der November ist die arbeitsreichste Zeit im Jahr“, schildern die beiden, die bei einer Firma angestellt sind, die seit vielen Jahren einen Teil der anfallenden Friedhofsarbeiten im Auftrag der Stadt übernimmt.

Mit Respekt und Pietät

Vor allem das Laub, das von den Bäumen fällt, muss weggeschafft werden. „Das erledigen wir größtenteils mit der Kehrmaschine oder dem Laubbläser“, sagt Peter Krausgrill. „An einigen Stellen, die schwer zugänglich sind, müssen wir das per Hand mit dem Rechen machen“, ergänzt Hans Toth. In den nächsten Wochen werden sie noch damit zu tun haben, danach steht der Winterdienst an – „das heißt, wir müssen Eis oder Schnee wegräumen und dafür sorgen, dass die Wege sicher sind“, erzählen die beiden Männer, für die der Friedhof inzwischen fast ein „normaler“ Arbeitsplatz ist, „dem man selbstverständlich mit dem nötigen Respekt und Pietät begegnet.“ Nun unterbrechen auch sie ihre Arbeit und machen sich auf den Weg zu dem kleinen Container, der in der Nähe der Trauerhalle aufgestellt wurde, um dort ihre Mittagspause zu verbringen und sich aufzuwärmen.

Kaum sind sie weg, hört man nur noch das Zwitschern der Vögel. Ein Rotkehlchen flattert heran, lässt sich auf einem weißen Engel nieder, lugt munter mit schwarzen Knopfaugen umher und steuert im Sturzflug den aufgeschütteten Erdhaufen an, aus dem es zielsicher ein dickes Insekt zum Mittagessen pickt.

Zur Startseite Mehr aus Main-Taunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse