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Tierärztin über Geflügelpest-Vorsorge: Interview mit Kirsten Tönnies„Staatlich verordnetes Tierleid“

Wie gefährlich ist die Vogelgrippe? Ist sie auch eine Bedrohung für den Menschen? Und wie ist es eigentlich um den Tierschutz bestellt, wenn im Seuchenfall tausende Hühner prophylaktisch getötet werden?
Dr. Kirsten Tönnies hält vier Fasan-Küken schützend in ihrer Hand Dr. Kirsten Tönnies hält vier Fasan-Küken schützend in ihrer Hand
Main-Taunus. 

Für den Fall, dass im Main-Taunus-Kreis eine Geflügelpest ausbricht, wurden jetzt bei einer Sicherheitsschulung für das Einsatzteam des Kreises teils martialisch anmutende Maßnahmen vorgestellt. Beispielsweise müssen sich Bauhof-Mitarbeiter in schweißtreibende Ganzkörper-Schutzkleidung – von Gummistiefeln bis Kapuze – hüllen, bevor sie die toten Vögel einsammeln dürfen.
Dr. Axel Detels, Leiter des Amts für Verbraucherschutz und Veterinärwesen im Hofheimer Landratsamt berichtete von Geflügelpestfällen in diesem Jahr in den Niederlanden und Italien – in Deutschland war zuletzt im Sommer 2015 das niedersächsische Herzlake betroffen. Zudem wies er darauf hin, dass zumeist infizierte Zugvögel, die den Main-Taunus-Kreis überfliegen, beziehungsweise hier Rast machen, das Virus an heimisches Geflügel übertragen. Prophylaktisch werden dann Einfuhrverbote für betroffene Länder verhängt oder die Vorschriften für Freilandhaltungen von Geflügel verschärft (das Kreisblatt berichtete).
Insbesondere die Schutzmaßnahmen haben manche Leser beunruhigt. So gab es besorgte Nachfragen zur Gefährlichkeit einer Vogelgrippe. Kirsten Tönnies aus Hattersheim, praktische Tierärztin aus dem Tierärztlichen Forum für verantwortbare Landwirtschaft (TFfvL), will einer übertriebenen Hysterie entgegenwirken. Nach ihrer Auffassung streut der Amtstierarzt Informationen, die nicht gerade im Sinne des Tier- und Verbraucherschutzes seien. Stephanie Kreuzer sprach mit Dr. Kirsten Tönnies.

Ist die Vogelgrippe tatsächlich eine so große Bedrohung für die Menschen?

DR. KIRSTEN TÖNNIES: Wir müssen zwischen der Gefährlichkeit für Menschen und der für Tiere unterscheiden. Zu Ersterem: So ein Schutzanzug, wie Ende Juni präsentiert, lässt einen tatsächlich an das Schlimmste denken, wie zum Beispiel bei einer Pest- oder Ebola-Epidemie. Aber weltweit gibt es keine 900 registrierten Fälle, dass Menschen an Vogelgrippe erkrankt sind. In Europa gibt es bislang keinen einzigen Todesfall. Das Risiko, als Mensch an Vogelgrippe zu sterben, ist also extrem gering.
Vögel hingehen sterben immer wieder an der Infektion, aber in der Natur überleben auch sehr viele. Wenn allerdings der Erreger in große Hühnerzuchtbetriebe eingeschleppt wird, sterben zahlreiche Tiere daran, da sie überzüchtet sind und unter großem Stress und schlechten Bedingungen gehalten werden. Bislang sind aber die meisten Vögel weniger an der Infektion, sondern vielmehr durch den Menschen gestorben, der sie – vorsorglich – tötet. Bei diesem „Keulen“ ist zwar die übliche Tötungsmethode Gas, aber zum Teil geht es dabei auch sehr grausam zu.

Zur Person: Dr. Kirsten Tönnies

Die Hattersheimer Tierärztin Kirsten Tönnies hat promoviert über das Vorkommen von Parasiten und Chlamydien, den Erreger der Papageienkrankheit, bei Ziervögeln in Zoogeschäften.

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Worum geht es Ihnen als Kleintierpraktikerin?

TÖNNIES: Das Tierschutzgesetz zielt immerhin auf jedes einzelne Tier ab. Leider wird das in der Massentierhaltung fast immer anders gehandhabt. Da zählt nicht das einzelne kleine Wesen in seinem Leid, sondern nur der Bestand als Ganzes. Das ist ein Riesenproblem besonders bei Schweinen und Vögeln. Außerdem muss man wissen, dass derzeit eine Wildvogel-Geflügelpest-Monitoring-Verordnung zur Verabschiedung ansteht. Das bedeutet, dass man Vögel töten will, um die HPAI-Erreger zu finden. Man hat aber über 330 000 tote Wildvögel in den letzten Jahren in ganz Europa untersucht und nur wenige befallene Tiere gefunden. Dass die Erreger in lebenden Tieren identifiziert werden, ist noch viel unwahrscheinlicher. Trotzdem sollen jetzt Vögel zur Untersuchung erschossen werden, auch wenn es nach dem Tierschutzgesetz keinen vernünftigen Grund gibt, die Tiere zu töten.

Wie werden die Viren denn überhaupt in die Tierhaltungen übertragen?

TÖNNIES: Viele sehen in den Wildvögeln die Überträger. Tatsächlich gibt es aber bis heute keinen dokumentierten Fall, in dem die Übertragung der Viren von Wildvögeln auf Nutzgeflügel zweifelsfrei nachgewiesen wurde. Im Gegenteil spricht die Art der weltweiten Verbreitung eher gegen eine Verschleppung durch Vögel, sondern eher für eine Verschleppung durch den Menschen. Durch den weltweiten Handel mit Federn, Eiern und auch Küken lässt sich der Infektionsweg der Vogelgrippeviren wesentlich leichter und logischer nachzeichnen und erklären.

Wie kommt man zu dieser Einschätzung?

TÖNNIES: Das zeitliche Auftreten der Ausbrüche passte häufig nicht zu den Zeiten des Vogelzuges. Wir haben die Krankheit aus Asien eingeschleppt bekommen. Es ziehen aber praktisch keine Vögel zwischen diesen Gebieten hin und her, daher kann es also nur mit Zwischenträgern funktionieren. Auf der anderen Seite gibt es Vogelzugrouten, die stark frequentiert werden, an denen schon längst ebenfalls Infektionen hätten auftreten müssen; sind sie aber nicht. Das ist unlogisch. Hingegen passen bestimmte Verbreitungen sehr gut zu den Handelsrouten der Waren.

Kann das eine besondere Gefährdung für das Rhein-Main-Gebiet begründen?

TÖNNIES: Ja, das ist möglich, weil wir am Frankfurter Flughafen viel Warenverkehr haben, was die Gefahr einer Keim-Verschleppung erhöht. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), Deutschlands Bundesforschungsanstalt für Tiergesundheit, hat dazu festgestellt, dass die Verbreitung durch den Tierhandel oder indirekt durch kontaminierte Fahrzeuge, Personen, Geräte oder Verpackungsmaterial erfolgt. Auch die Welternährungsorganisation (FAO) konstatiert, dass Importe von Geflügel und kontaminierte Transportkisten von Bruteiern als Überträger wahrscheinlich sind.

Warum thematisieren Sie das Problem so eindringlich?

TÖNNIES: Weil diejenigen, die für den Tierschutz zuständig sind, also einige Amtstierärzte, sich in diesem Fall überhaupt nicht um die Belange der Tiere, sondern nur um die Interessen der Wirtschaft kümmern. Immer wieder haben Züchter, die ihre Tiere möglichst artgerecht draußen halten, „Stallpflicht“ auferlegt bekommen. Das hat in den vergangenen Jahren viele Freilandgeflügelhalter aufgeben lassen – ganz im Sinne der Agrarindustrie, die damit von Konkurrenz befreit wird. In Niedersachsen kam es aus hygienischen Überlegungen gar dazu, dass Bauern Schwalbennester aus den Ställen entfernen mussten. Da wird staatlich verordnet, dass Tausende Tiere sinnlos leiden, nur um ein letztes Fitzelchen Risiko zu minimieren, aber das spielt für den einen oder anderen Amtsvertreter scheinbar keine Rolle. Natürlich muss der Verbraucher geschützt werden. Aber eine Krankheit, die noch kein einziges Opfer in der Bundesrepublik gefordert hat, mit solch martialischen Maßnahmen, die halt medienwirksam sind, bekämpfen zu wollen, lässt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit aufkommen. Ich wüsste viele Bereiche, in denen wir Verstöße kennen – zum Beispiel das Kupieren von Schnäbeln und Schwänzen ohne berechtigte Genehmigung, unnötige Antibiotika-Anwendungen statt Haltungsverbesserungen oder Untätigkeit, die mit Personalmangel entschuldigt wird. Da könnten wir vielleicht sinnvoller Energie investieren.

Antibiotika will natürlich kein Verbraucher zu sich nehmen . . .

TÖNNIES: Das tut er in der Regel auch nicht, sondern er nimmt die resistenten Keime zu sich, die durch die Antibiotika-Anwendungen selektiert wurden. Daran müssten wir massiver arbeiten, denn das kostet geschätzt 15 000 Menschen jedes Jahr das Leben. Um das zu ändern, müssen wir aber an die Haltungsbedingungen der Tiere ran. Und da spricht eine große Lobby dagegen. Deshalb erhalten die kleinen Freilandgeflügelhalter auch so wenig Unterstützung – die sind nämlich eher eine unliebsame, moralische Konkurrenz.

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