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Bis zu 100.000 Tiere: Warum ein paar junge Leute in Wicker tausende Würmer ausbuddeln

Von Auf einer 6000 Quadratmeter großen Fläche in Wicker wurden 100 000 Regenwürmer für Untersuchungen eingesammelt.
Die grauen Kästen sind mit Erde gefüllt, aus denen Julia Brack, ECT-Studienleiter Bernhard Förster und Paula Diehl (v. li.) die Würmer herausholen. Bilder > Die grauen Kästen sind mit Erde gefüllt, aus denen Julia Brack, ECT-Studienleiter Bernhard Förster und Paula Diehl (v. li.) die Würmer herausholen.
Wicker. 

Goldgräberstimmung am Wickerer Ortsrand: Auf einem brachliegenden Acker haben mehrere junge Männer und Frauen ihr Lager aufgeschlagen. Die ungewöhnlichen Gäste sitzen auf Stühlen und wühlen mit beiden Händen in grauen Kisten. Auf den ersten Blick sind die Behälter nur mit Erde gefüllt. Trotzdem lässt das Interesse der Arbeiter nicht nach. Jeder Erdbrocken wird in den Fingern gewendet und akribisch auseinandergezupft. Alle Funde spülen die Sucher in Wasser ab, bevor sie schließlich in Gläsern mit Alkohol landen. Es ist weder Gold, noch sind es seltene Fossilien. Was die Männer und Frauen hier brennend interessiert, sind Würmer jeder Größenordnung.

Die Sonne scheint unbarmherzig auf den hellbraunen Ackerboden. Außerhalb der kleinen Pavillons, die sich die Arbeiter als Schutz aufgestellt haben, herrschen mindestens 30 Grad. Die Erde macht einen äußerst trockenen Eindruck. Eine der letzten Ideen, auf die viele Menschen an diesem Ort kommen würden, ist wohl die Suche nach Regenwürmern. Für den Biologen Bernhard Förster und sein Team ist die augenscheinliche Trockenheit jedoch kein Problem. Die Erde hat den Regen der vergangenen Tage gespeichert. „Wenn man gräbt, ist der Boden zum Glück noch feucht genug“, erklärt Förster. Die Wurm-Ausbeute stellt den Naturexperten zufrieden. Außerdem falle die Arbeit im Sonnenschein wesentlich leichter. „Bei Regen ist es schwer, weil alles verschmiert“, so Bernhard Förster.

Mittel zum Zweck

Doch zurück zur eigentlichen Frage, die weiterhin im Raum steht: Warum setzt jemand eine Mannschaft von rund 20 Helfern darauf an, Regenwürmer in Wicker auszugraben? Um diese Frage zu beantworten, holt Förster weiter aus, als man dies zunächst erwarten würde. Der Biologe erzählt von Chemikalien, die sich auf den Erdboden auswirken, von Risikobewertungen, Feldstudien und von der Internationalen Standardisierungsorganisation (ISO). Letztlich wird klar, dass es beim ganzen Projekt nur zweitrangig um die Regenwürmer geht. Die glitschigen zappelnden Erdbewohner sind mehr oder weniger Mittel zum Zweck. Sie helfen, Aussagen über den Zustand des Bodens zu treffen und geben damit gleichzeitig Aufschluss über die Folgen chemischer Stoffe in Düngemitteln. Weil Würmer die größten Nicht-Wirbeltiere im Untergrund seien, nutze man sie als Repräsentanten der Bodenorganismen, erläutert Bernhard Förster. Ein Regenwurm sei besonders gut geeignet, weil er auf zwei Ebenen mit der Erde in Berührung komme. Zum einen fresse sich der Wurm durch das Erdreich, und zum anderen habe er Hautkontakt mit der Umgebung.

Bei der momentanen Untersuchung am Wickerer Ortsrand geht es allerdings noch um etwas anderes: Die Sammlung von Regenwürmern soll Erkenntnisse darüber liefern, wie statistische Proben verbessert werden können. Bernhard Förster arbeitet für das Flörsheimer Unternehmen ECT Ökotoxikologie. Der Forschungsbetrieb untersucht Würmer im Auftrag des Umweltbundesamtes, um herauszufinden, wie viele Stichproben erforderlich sind, um aussagekräftige Statistiken zu erstellen. Das Ergebnis soll unter anderem die Tests von Pflanzenschutzmitteln erleichtern.

Försters Mannschaft besteht aus ECT-Mitarbeitern, Schülern und Studenten, die an vier Tagen dieser Woche von morgens bis abends Würmer aus dem Boden schälen. Dabei haben sie den rund 6000 Quadratmeter großen Acker in kleinere Flächen unterteilt. Um die Arbeit zu erleichtern, untersuchen die Helfer jeden Viertelquadratmeter. Dabei fanden sie, laut Bernhard Förster, rund 50 Würmer pro Quadratmeter. Hochgerechnet ergibt dies bis zu 200 Regenwürmer auf einem Quadratmeter.

Reichlich Biomasse

Im Laufe der Feldstudie landen insgesamt über 100 000 Würmer in den Fingern der Mitarbeiter. Die toten, in Alkohol eingelegten Tiere wandern ins Labor, wo sie unter dem Mikroskop überprüft werden. Nun bleibt die Frage, wie es dem Acker ohne seine unterirdischen Bewohner ergeht. Für den Boden sei es nicht schädlich, diese gewaltige Menge an Würmern zu entfernen, erläutert Bernhard Förster. Die Biomasse im Untergrund sei wesentlich größer, als man sich dies vorstelle.

Für Förster und sein Team ist die Arbeit auf dem sonnigen Acker eine angenehme Abwechslung. „Die sind froh, wenn sie draußen sitzen können“, meint der Biologie. Der derzeitige Job sei ein schöner Ausgleich zur Büroarbeit. Die ungewöhnliche Aufgabe mache Spaß, bestätigt die Schülerin Paula Diehl, während sie die Erde nach Würmern durchwühlt. Darüber hinaus sei die Arbeit besser bezahlt als ein Nebenjob in der Gastronomie, ergänzt ECT-Mitarbeiterin Julia Brack. Weniger anstrengend ist die wissenschaftliche Wurmkur allerdings nicht: „Nach drei Tagen werden die Finger müde und die Gelenke beginnen zu schmerzen“, verrät Julia Brack.

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