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Interview: Der Linke Marcel Baymus über die Rüsselsheimer Politik

Marcel Baymus legt sein Amt als Stadtverordneter nieder. Der 26-jährige Jura-Student hat in den vergangenen eineinhalb Jahren viele Debatten für die Linke / Liste Solidarität geführt und für lebhaften Austausch im Parlament gesorgt. Mit dem Echo spricht er über Politik in Rüsselsheim.
„Wenn man sich nicht über den Tisch ziehen lassen will, muss man juristische Grundbegriffe beherrschen“: Marcel Baymus. Bilder > „Wenn man sich nicht über den Tisch ziehen lassen will, muss man juristische Grundbegriffe beherrschen“: Marcel Baymus.

Herr Baymus, Sie haben zum Ende des vergangenen Jahres Ihre Ämter im Rüsselsheimer Stadtparlament niedergelegt. Warum?

MARCEL BAYMUS: Ich hätte gerne weiter gemacht, da ich allerdings nach Nauheim umziehe, geht das nicht. Die Regelung ist klar – bei einem Umzug muss man raus. Aber das gibt mir natürlich auch Freiräume für neue Dinge: Ich bin seit dem 15. Dezember Wahlkreismitarbeiter unseres Bundestagsabgeordneten Jörg Cezanne (Linke). Zugegeben: Das ist eine andere Aufgabe als meine Tätigkeit als Stadtverordneter im Rüsselsheimer Parlament, aber eine Aufgabe, die mich ebenfalls fordern wird.

Wie lange waren Sie nun Rüsselsheimer Stadtverordneter?

BAYMUS: Seit April 2016, also etwas mehr als eineinhalb Jahre.

Wie sind Sie an dieses Amt geraten?

BAYMUS: Ich hatte die Fraktion bereits etwa zwei Jahre in den Sitzungen begleitet und dadurch viel über Kommunalpolitik gelernt. So entstand auch das Interesse, noch aktiver Politik zu machen. Fachwissen einbringen, mich selbst weiterzuentwickeln – das hat mich sehr gereizt.

Haben Sie sich auf das Amt vorbereitet?

BAYMUS: Man arbeitet sich hauptsächlich während der politischen Arbeit in Themen hinein. Es kann zudem nicht schaden, sich mit juristischen Grundbegriffen auszustatten. In Rüsselsheim wird gerne aus der Hessischen Gemeindeordnung zitiert. Man muss Grundzüge kennen, um sich nicht über den Tisch ziehen zu lassen. Wenn einem das Wissen über die Gemeindeordnung fehlt, dann kann man manche Aussagen eben auch nicht in Frage stellen.

War es denn anstrengend im Rüsselsheimer Parlament?

BAYMUS: Es gibt verschiedene Arten von Menschen in der Politik: Es gibt diejenigen, die Streitigkeiten mit sich herumtragen. Es gibt aber auch Menschen, zu denen ich mich zähle, die Streitigkeiten im Parlament von Privatem trennen. Es gibt einen Wettstreit um das beste Argument, und wir versuchen das rhetorisch möglichst geschickt einzubringen. Zwischen uns und der CDU gibt es das größte Spannungsfeld, das ist ja kein Geheimnis.

Haben Sie sich auf Ihre Beiträge vorbereitet oder waren das zumeist spontane Einlassungen?

BAYMUS: Ich bin schriftlich besser als mündlich, das muss ich zugeben. Wenn ich eine Rede vorbereitet habe, dann funktionierte das für mich meist besser. In Rüsselsheim sind es allerdings oft sehr viele verschiedene Themen und die Zeit ist knapp, so dass man nicht immer alles bis ins Detail ausarbeiten kann. In der Kreispolitik ist das etwas anders. Aber natürlich geht es auch darum, authentisch zu bleiben. Ich habe den Eindruck, dass in Rüsselsheim sehr authentisch Politik gemacht wird.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit der Fraktionen abseits des Parlaments erlebt?

BAYMUS: Ich kann da nur für mich sprechen. Mit Oberbürgermeister Patrick Burghardt (CDU) habe ich mich persönlich durchaus gut verstanden, wir haben uns sogar zuletzt geduzt. Politisch gab es keinen Nenner zwischen uns, aber persönlich finde ich den scheidenden Oberbürgermeister in Ordnung. Ich habe ihm nie etwas Schlechtes gewünscht. Innerhalb der politischen Debatten gab es allerdings viele problematische Auseinandersetzungen – etwa die Debatte um die Besetzung der Fluglärmkommission.

Was haben Sie in Rüsselsheim erreicht?

BAYMUS: Wir haben unglaublich viel gemacht. Wir haben zum Beispiel die Weichen dafür gestellt, dass in Bildung investiert wird. Es wurde oftmals behauptet, die Kita-Landschaft in Rüsselsheim sei gut aufgestellt. Das ist falsch: Es gibt in Rüsselsheim immer noch Kitas, die zu voll sind, und in anderen Kitas bekommen Eltern keine Plätze. Doch wenn man Interesse hat, dass Menschen nach Rüsselsheim ziehen, dann muss man die Infrastruktur der Betreuungsangebote verbessern. Da haben wir wichtige Impulse gesetzt.

Gibt es denn offene Baustellen, die Sie zurücklassen?

BAYMUS: Man muss sagen, dass wir zuletzt viele Projekte zu einem Abschluss gebracht haben. Ich erinnere etwa daran, dass wir mehr Schulraum geschaffen haben, und eine Schule auf den Weg gebracht haben, die viele Jahrzehnte halten wird. Was mich allerdings noch immer stört, das ist die Verkehrsproblematik innerhalb der Innenstadt. Es gibt noch immer kaum vorhandenen Parkraum, hier muss noch viel passieren. Da müssen Weichen gestellt werden. Bei der Erarbeitung der Lösungen hätte ich gerne mitgearbeitet. Ich befürchte, man muss ein komplett neues Verkehrskonzept erstellen.

Sie sind zwar erst 26 Jahre alt, aber in der Kommunal- und Kreispolitik bereits gut vernetzt. Was kennzeichnet die Rüsselsheimer Stadtpolitik?

BAYMUS: Das Interessante an der Rüsselsheimer Politik ist, dass die Stadt unglaublich viele Aufgaben übernimmt. Wir gestalten als sogenannte Sonderstatus-Stadt zum Beispiel unsere eigene Bildungspolitik. Das ist eine Aufgabe, die viel Arbeit und Fachwissen erfordert. Da geht die Politik sehr lebhaft ein. Dazu gibt es eine gute Beziehung zum Land, auch wegen der Historie rund um Opel. Rüsselsheim hat eine besondere Stellung im Land. Das wird einem als Kommunalpolitiker durchaus gespiegelt. Im Landtag beispielsweise fällt die Sprache häufiger auf Rüsselsheim, als man denkt.

Es heißt allerorts, die Jugend von heute sei politisch nicht interessiert. Sind Sie die Ausnahme, die die Regel bestätigt?

BAYMUS: Ich würde das gar nicht so pessimistisch sehen. in Rüsselsheim gibt es viele junge Menschen, die sich politisch engagieren. Auf Kreisebene ist das ganz anders: Bei 71 Abgeordneten gibt es dort nur drei unter 30. Dementsprechend haben wir in Rüsselsheim eine ganz gute Quote. Diese Zusammenstellung ist übrigens ganz wichtig, wobei ich sie eher als Mischung zwischen erfahren und unerfahren bezeichnen würde. Und ich muss sagen, dass ich von unseren älteren Fraktions-mitgliedern wie Heinz-Jürgen Krug und Karl-Heinz Schneckenberger unglaublich viel gelernt habe, die mir sehr viel Wissen vermittelt haben. Ich finde es wichtig, dass zumindest schrittweise junge Leute an die Politik herangeführt werden.

Warum engagieren Sie sich politisch?

BAYMUS: Ich bin im Hasengrund aufgewachsen. Es gab in meinem Leben oftmals eine Situation, in der ich gemerkt habe, dass Leute trotz harter Arbeit nicht in der Gesellschaft ankamen. Die Politik muss dafür sorgen, dass Barrieren abgebaut werden und alle Menschen die Chance haben, an der Gesellschaft teilhaben zu können.

Sie sind Mitglied der Links-Partei. Nun gibt es das berühmte Diktum: „Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 Jahren noch Kommunist ist, hat keinen Verstand!“ Wie stehen bei Ihnen die Chancen auf eine CDU-Mitgliedschaft?

BAYMUS (lacht): Den Spruch habe ich mir ja auch immer mal wieder hier im Stadtparlament anhören müssen. Sahra Wagenknecht ist mittlerweile ja auch fast 50, und soweit ich das beurteilen kann, noch gut bei Verstand. Wer mich überzeugen möchte, ihm zu folgen, der muss schon mit Inhalten kommen. Mit solchen saloppen Sprüchen hat man bei mir keine Chance.

Sehen wir Sie irgendwann im Berliner Bundestag?

BAYMUS (lacht): Das ist bei mir im Moment kein Thema. Mal sehen.

 

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