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Notaufnahmen überlastet: Zu viele Patienten rufen Krankenwagen, obwohl sie Fälle für den Hausarzt wären

In medizinischen Notfällen geht es um jede Minute. Falsche Entscheidungen können Leben gefährden. Ein großes Problem ist deshalb auch die Überlastung der Klinik-Notaufnahmen im Wetteraukreis. Eine Ursache: Immer mehr Patienten mit Beschwerden, die ein Fall für den Hausarzt sind, rufen einen Rettungswagen oder lassen sich privat ins Krankenhaus bringen.
Willkommen in der Notaufnahme des Hochwaldkrankenhauses: Doch manchmal meldet sich die Abteilung wegen Überlastung ab. Foto: Nici Merz Willkommen in der Notaufnahme des Hochwaldkrankenhauses: Doch manchmal meldet sich die Abteilung wegen Überlastung ab.
Bad Nauheim. 

Eigentlich hat Doris Erbt (Name geändert) alles richtig gemacht. Die Bad Nauheimerin leidet nach dem Urlaub in den Tropen unter Bauchschmerzen. Sie folgt dem Rat ihrer Tochter, die als Schwester im Hochwaldkrankenhaus arbeitet, und sucht den Hausarzt auf. Wie eine Freundin der Patientin weiter berichtet, vermutet die Ärztin aufgrund des Urlaubsziels ein internistisches Problem, etwa einen Infekt, der eine Isolation erforderlich macht, oder eine Magen-Darm-Grippe.

Doris Erbt muss sich übergeben. Sie erhält eine Infusion und einen Einweisungsschein für eine Klinik. Da sich das Hochwaldkrankenhaus beim Rettungsdienst-Koordinationssystem Ivena wegen Überlastung für internistische Fälle abgemeldet hat, ruft die Allgemeinmedizinerin keinen Rettungswagen. Vielmehr empfiehlt sie der Patientin, sich privat dort hinbringen zu lassen und ihre Tochter einzuschalten, die als Klinik-Angestellte sicher trotzdem ein Bett verschaffen
könne.

Weinend vor Schmerzen telefoniert Doris Erbt mit der Freundin, die in die Praxis eilt. Auf der Fahrt zum Hochwaldkrankenhaus übergibt sich die Bad Nauheimerin erneut. In der Notaufnahme wird ihr bestätigt, dass für internistische Fälle kein Bett frei ist. Der von Patientin und Tochter geäußerte Verdacht eines Blinddarm-Problems wird von den Ärzten aber bestätigt. Die chirurgische Notaufnahme hat noch Kapazitäten frei, wenig später wird der Blinddarm-Durchbruch operiert.

Wie der Geschäftsführer des Gesundheitszentrums Wetterau (GZW), Dr. Dirk Fellermann, bestätigt, müssten Abteilungen der Notaufnahmen in GZW-Häusern ab und zu bei Ivena abgemeldet werden. Die Bettenzahl in Notaufnahmen reiche generell nicht aus,
dieses landesweite Problem sei
bekannt.

Problem spitzt sich zu

„Das hat auch damit zu tun, dass sich immer mehr Menschen direkt an die Notaufnahmen wenden anstatt an den Hausarzt oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst“, erklärt Fellermann. Der Unterschied zwischen Notaufnahme und Bereitschaftsdienst sei vielen Menschen ebenso wenig bekannt wie die zentrale Rufnummer des Dienstes, die 11 61 17.

Für die Koordination der Rettungsdienste im Kreis ist Fachbereichsleiter Dr. Reinhold Merbs zuständig. Seiner Ansicht nach spitzt sich das Problem überlasteteter Notaufnahmen zu, weil immer mehr Menschen deren Dienste ohne Grund beanspruchen.

„Viele verfahren nach der Devise: ,Ich zahle meine Kassenbeiträge, also soll der Rettungswagen kommen‘“, berichtet Merbs. Im Telefonat mit der Leitstelle würden Beschwerden oft dramatisiert.

Abgesehen von den finanziellen Folgen – ein Rettungswageneinsatz kostet 500 Euro – litten darunter die Notaufnahmen. Theoretisch könne das Rettungsteam es ablehnen, den Kranken mitzunehmen. „Das kommt aber fast nie vor, weil das Risiko zu hoch ist“, sagt der Fachbereichsleiter.

Für die Überlastung der Notaufnahmen seien aber auch Politik und niedergelassene Ärzte verantwortlich. Die Politik finanziere zu wenige Betten, die Kassenärztliche Vereinigung streiche immer mehr Bereitschaftsdienst-Standorte. „Früher haben sich Hausärzte nachts und an Wochenenden gegenseitig vertreten. Heute müssen alle Patienten nach Bad Nauheim oder Büdingen fahren“, erklärt Merbs.

Lange Wartezeiten

In den vergangenen Jahren seien die Anlaufstellen in Karben, Weckesheim, Bad Vilbel, Butzbach und Friedberg aufgegeben worden. Die Folge: Lange Fahrtstrecken und Wartezeiten. Für Patienten sei es bequemer, die 112 zu wählen.

Zu Problemen kommt es vor allem bei Grippewellen, zuletzt von Dezember bis April. Laut Merbs waren fast ständig 30 Prozent der Notfallkapazitäten abgemeldet. „An vielen Tagen mussten Patienten über die Kreisgrenze transportiert werden.“

Ist nirgendwo ein Bett frei, kann die Leitstelle eine Notzuweisung anordnen. An Ivena seien alle Akut- und Fachkliniken angeschlossen, welche die Voraussetzungen erfüllten. Die Leitstelle, die pro Jahr 40 000 Fälle bearbeitet, müsse den Patienten richtig einstufen. Beispiel: Eine Herzschwäche kann im Bürgerhospital behandelt werden, bei einem Infarkt sollte sofort in die Kerckhoff-Klinik eingewiesen werden.

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