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Große Geister in Gelb: Vor 150 Jahren erschien der erste Band von Reclams Universal-Bibliothek

Von Die gelben Hefte von Reclams Universal-Bibliothek spalten Schüler seit je: Die einen halten sie für eine Landplage. Die anderen erinnern sich dankbar, wie nützlich die Bände ihnen in verschiedenen Lebenslagen waren.
Johann Wolfgang Goethe im Reclam Bücherregal auf der Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main Foto: (imago stock&people) Johann Wolfgang Goethe im Reclam Bücherregal auf der Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main

Vermutlich hätte Gaius Julius Caesar um 50 v. Chr. niemals Gallien überfallen, wäre ihm klar gewesen, dass er mit seinen militärischen Abenteuern noch Jahrtausende später Schüler in einem Klassenzimmer am Fuße des Taunus in Verzweiflung stürzen würde. Sie brüteten Ende des 20. Jahrhunderts über seinen stilbildenden Kriegsberichten und fragten sich, was die Feldzüge des Römers eigentlich mit ihnen zu tun hätten. Ob die Belgier die tapfersten gewesen seien oder nicht, war ihnen so schnuppe wie die Frage, wo der Schild des Averners Vercingetorix geblieben sei. Die notwendigen Auskünfte fanden sich ja in den einschlägigen Asterix-Bänden.

Schnörkelschrift und Rankenwerk zieren die Hefte der Universal-Bibliothek im Gründungsjahr 1867. Bild-Zoom
Schnörkelschrift und Rankenwerk zieren die Hefte der Universal-Bibliothek im Gründungsjahr 1867.

Wer sich mit solchem Leichtsinn einen schlanken Fuß zu machen hoffte, hatte freilich die Rechnung ohne die gymnasialen Lehrpläne, seinen humanistisch informierten Vater und den humorlosen Lateinlehrer gemacht: „De bello Gallico“ gehört zur Plichtlektüre derer, die sich um den Erwerb des Latinums bemühen. Und wäre nicht die so handliche wie geschmeidige deutsche Übersetzung in Reclams Universal-Bibliothek gewesen, die zumindest eine Ahnung von dem verhieß, was Caesar da zu erzählen hatte, nicht wenigen wäre der Gallische Krieg für immer ein historisches Rätsel geblieben.

Schiller ist vorn

Als vor 150 Jahren, im November 1867, mit Goethes „Faust“ der erste Band von Reclams Universal-Bibliothek in Leipzig auf den Markt kam, war das gleichsam der Beginn einer sozialverträglichen intellektuellen Grundversorgung der Deutschen: Ausgaben von Klassikern, „die bei correctem Druck und guter Ausstattung durch ihre Billigkeit Alles übertreffen, was jemals eine Nation auf dem Büchermarkte ausgeboten hat“, jubelten die „Leipziger Nachrichten“ seinerzeit.

Nach dem Krieg wurde der Verlag in Stuttgart neu gegründet: Molière-Ausgabe von 1948. Bild-Zoom
Nach dem Krieg wurde der Verlag in Stuttgart neu gegründet: Molière-Ausgabe von 1948.

Bis heute sind die Bände so erschwinglich, dass niemand sich auf die Ausrede berufen kann, er könne sich Goethe nicht leisten. Mit 4,9 Millionen verkauften Exemplaren seit 1948 liegt der „Faust“ laut Verlag, der seinen Sitz heute in Stuttgart hat, auf Platz zwei in den Charts der meistverkauften Reclam-Hefte. Nur Schillers „Wilhelm Tell“ ist mit 5,4 Millionen Exemplaren erfolgreicher. Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“ und Lessings „Nathan der Weise“ rangieren mit jeweils 4,4 Millionen Büchern auf den Plätzen drei und vier.

Die Erfindung der anspruchsvollen Reihe, die zu den ältesten des deutschen Verlagswesens zählt, verdankte sich damals einer Regelung, nach der allen deutschen Autoren eine Schutzfrist von 30 Jahren nach ihrem Tod für die Veröffentlichung ihrer Werke eingeräumt wurde. Sie trat 1867 in Kraft und erlaubte es etwa, Werke Goethes nachzudrucken, der 1832 gestorben war. Was die beiden Gründer Anton Philipp Reclam und sein Sohn Hans Heinrich als Bildungsbibliothek konzipiert hatten, die auch für breitere Schichten bezahlbar sein sollte, bot zunächst die Klassiker der deutschen und europäischen Literatur, antike Texte, Philosophie, Opernlibretti, auch Populäres wurde nicht verschmäht. Längst sind moderne und zeitgenössische Autoren vertreten, zweisprachige Ausgaben, Anthologien und thematische Textsammlungen kamen hinzu, ebenso wissenschaftliche Werke und Publikationen zu aktuellen Fragen. Heute sind in der UB rund 3000 Titel lieferbar, der Gesamtabsatz liegt bei schätzungsweise einer halben Milliarde Exemplaren.

Typologie des Lesers

Dass die Universal-Bibliothek noch immer existiert, mag Anlass zu der Hoffnung geben, auch im digitalen Zeitalter erschöpfe sich menschlicher Geist nicht in höherem Internet-Blödsinn und zu Quizfragen geschrumpften Bildungsresten. Tatsächlich halten Klassensätze für die Schullektüre oder Leselisten in einigen Uni-Seminaren das verdienstvolle Geschäft mit der Literatur nach wie vor am Laufen.

Franz Kafka im Jahr 2012: So sehen die Reclam-Heftchen auch heute noch aus. Bild-Zoom
Franz Kafka im Jahr 2012: So sehen die Reclam-Heftchen auch heute noch aus.

Obwohl die einst zwischen Grau und Braun changierenden Bände seit 1970 in grellem Signalgelb erscheinen und die verschlungene Schnörkelschrift klarem Design gewichen ist, hat niemand den andauernden Parteienstreit unter Schülern bislang schlichten können, ob es sich bei Reclam um eine Landplage oder um einen unermesslichen Kulturschatz handelt.

Grob gesagt umfasst die Typologie des Reclam-Lesers drei Hauptstränge. Es gibt den Allergiker, der rot sieht, sobald er einen gelben Umschlag in der Hand hält. Plötzliche Übel- und Misslaunigkeit machen es ihm unmöglich, einem Vers von Hölderlin zu folgen, geschweige denn einem Aphorismus von Arthur Schopenhauer. Caesars Rom bleibt ihm für immer ein böhmisches Dorf. Er ist eigentlich ein Nichtleser – und auch mit Asterix nicht zu gewinnen. Höchstens greift er zur Lektürehilfe, um sich die Zeugnisnote nicht zu ruinieren.
 

Fakten und Anekdoten zur Verlagsgeschichte

  Zum Start der Reihe (UB) am 10. November 1867 kostet Goethes „Faust“ in zwei Teilen je 2 Neugroschen. Der Rekordpreis pro Heft liegt bei 330 Milliarden Mark – am 30. November 1923 während der Inflation.

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Sein Gegenpart ist der Reclam-Enthusiast, der eine Sammelleidenschaft entwickelt und davon träumt, im Laufe seines Lebens die komplette Universalbibliothek zu verschlingen. In seiner Euphorie bemalt er in faden Unterrichtsstunden seine Ausgabe von Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“ mit blauen Blumen, verlässt später, nach glücklich überstandener Adoleszenz, keinen Flohmarkt ohne eine abgewetzte Neuerwerbung und arbeitet sich sogar durch Jeremias Gotthelfs „Die schwarze Spinne“, nur weil sie bei Reclam erschien.

Dazwischen steht der Pragmatiker, den Nietzsches „Zarathustra“ in der Gesäßtasche des Kampfanzugs auf den Einsatz in Afghanistan begleitet, der im drögen Business-Meeting heimlich Kants „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“ unterm Tisch liest oder keine Lust hat, für Bücher mehr als fünf Euro im Jahr auszugeben. Zu den Pragmatikern gehören jene, die von allen Klassikern der Weltliteratur zwei Ausgaben besitzen: Reclam-Bücher einzelner Werke zum Lesen, Anstreichen und Auswendiglernen und schöne Gesamtausgaben, um sich zu freuen, gelegentlich darin zu blättern oder die Seiten zu streicheln. Aber auch die gehören selbstverständlich dazu, die Reclam-Bände nur zum Spicken fürs kleine Latinum brauchen. Und danach nie wieder.

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