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Ausstellung: Zwei Maler arbeiten sich abstrakt an der Welt ab

Von Eine Kabinettausstellung im Frankfurter Städel stellt die beiden konstruktivistischen Künstler Hermann Glöckner und Rudolf Jahns einander gegenüber.
Dicht gehängt: Ausstellungsansicht des Zyklus  „26 Faltungen“ von Hermann Glöckner aus dem Jahr 1957. Dicht gehängt: Ausstellungsansicht des Zyklus „26 Faltungen“ von Hermann Glöckner aus dem Jahr 1957.

Formen erkunden, die Dinge aufs Wesentliche reduzieren, fort mit allem Zierrat – im frühen 20. Jahrhundert versuchten die Konstruktivisten, eine neue Stufe der Malerei zu erklimmen, ihr allen Inhalt zu entziehen, um so dem Geheimnis von Form, Farbe und Linie neu auf die Spur zu kommen. In der Sowjetunion entwickelt, wurde Kasimir Malewitsch mit seinen nüchternen Quadratbildern der wohl bekannteste Vertreter dieser Stilrichtung. Doch auch in anderen Ländern war die Sehnsucht nach einer neuen Reinheit groß. In Holland entwickelte sich die „De Stijl“. Prominente deutsche Vertreter waren Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp.

Rudolf Jahns, „Horizontal – Vertikal“, 1925/1961. Bild-Zoom Foto: HERLING/GWOSE
Rudolf Jahns, „Horizontal – Vertikal“, 1925/1961.

Rudolf Jahns (1896–1983) und Hermann Glöckner (1889–1987) waren von Beginn an Außenseiter, und beide sind es bis zum Ende ihres langen Lebens geblieben. Jahns, in Wolfenbüttel geboren, verbrachte sein Leben im Westen. Glöckner, in Cotta bei Dresden geboren, studierte in der sächsischen Hauptstadt und lebte und arbeitete auch da. Ob sich die Künstler kannten, ist nicht überliefert. Wer die Treppe in die Städel-Gartenhallen hinabschreitet, sieht gleich rechterhand eine Vitrine mit drei Arbeiten Glöckners, der feines, durchscheinendes Japanpapier vor dunklem Grund zu geometrischen Formen faltet.

Spiel mit Räumlichkeit

Ein paar Schritte weiter ebnen Frank Stellas „Cieszowa III“ (1973), eine Neuerwerbung aus dem vergangenen Jahr, sowie der Bauhauskünstler Josef Albers mit einer Quadratstudie den Weg in das abstrakte Spiel mit der Räumlichkeit. Jahns und Glöckner, wie man sodann im Kabinett bestaunen kann, beschäftigten sich mit diesen Themen zeitlebens. Das ist insofern bemerkenswert, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg nahtlos an ihre Studien aus den 20er Jahren anknüpften. In den 50er und 60er Jahren und danach führten sie vieles aus, was damals schon als Studie oder Skizze entstanden war. Beide waren berufstätig, Jahns verdiente seinen Unterhalt als Finanzbeamter – ein nicht unwesentlicher Grund, warum seine Kreativität in den späten 50er Jahren, nach seiner Pensionierung also, schier explodierte. Die Stirnseite des Raumes zeigt seinen 26-teiligen Faltungen-Zyklus: rechteckige und dreieckige Muster, die er mit komplizierten Faltungen herstellte und hernach mit schwarzer Farbe zu kontrastreichen Figuren ausmalte.

Rudolf Jahns’ „Häuser an der Steilküste von Boulogne-sur-Mer“, 1931. Bild-Zoom
Rudolf Jahns’ „Häuser an der Steilküste von Boulogne-sur-Mer“, 1931.

Ein frühes Werk kam im Lauf der Ausstellungsplanung als Schenkung der Tochter Barbara Roselieb-Jahns an das Städel hinzu: die „Häuser an der Steilküste von Boulogne-sur-Mer“. Die Häuser in die Höhe gestaffelt, Meer und Strand in den geometrischen Formen unzweifelhaft erkennbar – das konkreteste unter allen abstrakten Bildern. Doch auch auf anderen Werken spielen die Künstler mit konkreten Formen und Andeutungen des Gesichts als figürliches Gestaltungselement. Glöckners „Auch ein Relief“ von 1968 nimmt das Spiel mit der Form, die abstrakt sein könnte, bei der aber kein Betrachter drumherumkommt, sie gegenständlich zu deuten, sogar ironisch in den Titel des Kunstwerks mit hinein.

Beseeltheit

„Ohne die Liebe zu allem Lebendigen wird kein Lebendiges zu gestalten sein“, sagte Jahns schon 1922: Es klingt wie eine klare Distanzierung von einem Konstruktivisimus, der allein mathematischen Prinzipien zugewandt ist. Wellenformen, die an Flüsse oder das Meer erinnern, zeigen, dass beide Maler sehr wohl bereit waren, stimmungsvoller Beseeltheit in ihre Bilder einziehen zu lassen. Das Spiel mit den geometrischen Formen erschöpft sich nicht in sich selbst, sondern zielt immer auf den Betrachter, dessen menschlicher Assoziationsraum jedem Bild erst einen Inhalt zuweist.

Wie bruchlos die Autodidakten Glöckner und Jahns ihr Werk nach dem Weltkrieg fortsetzen, zeugt von ihrer großen Konsequenz und Unbeirrbarkeit. Jahns hatte in den zwölf Jahren der Nazi-Dikatur Malverbot. Glöckners Atelier in Dresden wurde beim Bombardement der Stadt 1945 komplett zerstört. Dabei ging auch der größte Teil des Vorkriegswerks verloren. Weder von den geometrischen Absolutheits-Postulaten der russischen Konstruktivisten ließen sie sich eingrenzen, noch von den gänzlich anderen Kunstbedürfnissen der Nationalsozialisten zu anderen Malweisen verführen. Ihr Thema blieb, wie diese feine Sonderausstellung zeigt, die geometrische Untersuchung der Welt, ohne dabei je das spezifische Humanum der Kunst zu vernachlässigen.

 

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