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Nachruf auf Roman Herzog: Der Präsident mit dem Ruck

Von Roman Herzog ist gestern verstorben. Wie weit und wie klar er in die Zukunft sah, vor 20 Jahren – das ergibt ein Wiederhören seiner berühmtesten Rede. Nicht alles hat er richtig gesehen, aber vieles klug durchschaut.
Michael Endres Bilder > Foto: office@martinjoppen.de Michael Endres
Berlin. 

Im Zweifelsfall, so hat er es intoniert, wenn auch niemals scharf, wollte er lieber auf der Seite der Bürger sein als auf jener der Herrschenden. „Wahrheit und Klarheit“, hieß das dann bei Roman Herzog, sei er den Beherrschten schuldig. Die er persönlich ja gar nicht regierte, als Staatsoberhaupt, sondern repräsentierte. Aber als er am 1. Juli 1994 gewählt wurde, da nahm er sich vor, ein politischer Präsident zu werden. Vielleicht auch ein bisschen, weil er für den Politiker, der ihn ins Amt brachte, nur die zweite Wahl gewesen war.

Wer heute „Roman Herzog“ hört, denkt weder an Helmut Kohl noch an drei Wahlgänge. Zum Namen Herzog gehört das Wort „Ruck“, mehr noch als zu Richard von Weizsäcker der „Tag der Befreiung“ gehört und zu Gustav Heinemann „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!“ Der Heinemann fällt einem auch ein, weil der erste SPD-Präsident anfallsweise ebenso zur Ironie neigte wie der CDU-Mann Herzog ganz grundsätzlich. Und auch die Lust an der Deutlichkeit und an der Freiheit des Denkens über Parteivorgaben hinaus teilten die beiden.

Michael Endres
Weggefährte Michael Endres „So jemanden trifft man selten im Leben“

Sie waren mehr als nur vertraute Weggefährten. Die Rede ist von Roman Herzog und Michael Endres. „Rund 16 Jahre haben wir für die Hertie-Stiftung zusammengearbeitet“, erzählt der ehemalige Deutsche-Bank-Vorstand

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Mehr noch als Heinemann aber wollte Herzog sich zwischen Jura und Politik nicht entscheiden – und machte da wie dort fulminant Karriere. Er hatte, als er ins Schloss Bellevue wechselte, längst einen Namen: als Mit-Herausgeber und -Autor des Grundgesetz-Kommentars und als Richter und Präsident beim Bundesverfassungsgericht. Unter seiner Führung stärkte etwa das „Brokdorf-Urteil“ das Demonstrationsrecht: Die Versammlungsfreiheit habe auch dann zu gelten, „wenn mit Ausschreitungen durch Einzelne oder eine Minderheit zu rechnen ist“. Jahre zuvor hatte derselbe Roman Herzog als Innenminister von Baden-Württemberg „Demonstrationsgebühren“ eingeführt: Teilnehmer an ungenehmigten Demos sollten die Polizeieinsätze bezahlen.

Offen und klar

Die breite Öffentlichkeit wusste nichts vom brillanten Intellekt und weiten Horizont des Neuen im Schloss, kaum etwas von seinem Vorleben – und es hatte keine Ahnung davon, wie sehr er sie und die Politiker und überhaupt die ganze Republik ziemlich genau zur Hälfte seiner Amtszeit in die Pflicht nehmen würde. In seinem Dank für die Wahl hatte Herzog versprochen, er wolle „Deutschland so repräsentieren, wie es wirklich ist“. Und nach etlichen anderen Charakteristika wie „friedliebend, freiheitsliebend, leistungsstark, tolerant“ betont, „fast das Wichtigste“ erscheine ihm: „unverkrampft“.

So ging er sein Amt dann auch an – und so, offen und klar, redete er der Republik im 15. Jahr der Ära Kohl ins Gewissen. „Erstarrung“ konstatierte er, „Mutlosigkeit“ und „Depression“, sah Deutschland im globalen Wettbewerb im Hintertreffen – und forderte: „Alle, wirklich alle Besitzstände müssen auf den Prüfstand.“

Im kollektiven Gedächtnis blieb nur der Satz, auf den rasch die ganze Rede reduziert wurde. „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“ Helmut Kohl fühlte sich nicht angesprochen, die Gesellschaft auch nicht. Als rein ökonomisch orientiert und tendenziell unsozial landete der Text in den Archiven.

Falls die fehlende Wirkung ihn kränkte – so zeigte Herzog es nicht. Sicher fast zwei Dutzendmal noch redete er an gegen allgemeine Zukunfts- und Planlosigkeit. Und forderte, anders als Helmut Schmidt, von der Politik eine Vision. Denn, befand Herzog: „Visionen sind nichts anderes als Strategien des Handelns. Das ist es ja, was sie von Utopien unterscheidet.“

Aus dem Schloss verabschiedete er sich in einer rot-grün regierten Republik, deren neuer Kanzler auch „nicht alles anders“ machen wollte. Als Gerhard Schröder seine „Agenda 2010“ auf den Weg brachte, war Herzog seit vier Jahren im Ruhestand – aber nur als Präsident. Als politischer Kopf blieb er aktiv, wie er es angekündigt hatte mit einem „Scheide ich ja heute nur aus dem Amt und nicht aus dem Leben“. Und so redete er weiter.

Die Gesellschaft jedoch, die er noch vor dem Ruck beschworen hatte – „voller Zuversicht und Lebensfreude, eine Gesellschaft der Toleranz und des Engagements“ – schien sich von der Vision zur Utopie zu wandeln, als Herzog sich im Juni in einem Interview Angela Merkel vornahm, ohne sie beim Namen zu nennen: Die Regierenden müssten „erforderliche Entscheidungen erklären“. Indes: „Es passiert entweder nichts, oder die Bürger werden in Nacht-und-Nebel-Aktionen überrumpelt. Ein solcher Politikstil schürt Politikverdrossenheit…“

Über ihn, das hatte er sich gewünscht, sollten die Bürger einmal das Gegenteil sagen. „Das war ein ehrlicher Kerl, der uns nichts vorgemacht hat.“

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