E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Bad Homburg 30°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Wildschweinen geht es an den Kragen

Die Afrikanische Schweinepest droht auf Deutschland überzugehen. Für Wildschweine hierzulande ist das schon jetzt schlecht: Wesentlich mehr der Tiere als bisher sollen vorbeugend abgeschossen werden.
Der Bestand von Wildschweinen soll extrem reduziert werden. Foto: Lino Mirgeler Der Bestand von Wildschweinen soll extrem reduziert werden.
Berlin. 

Bauern- und Jagdverband haben von der Politik eine erleichterte Jagd auf Wildschweine gefordert, um ein Übergreifen der Afrikanischen Schweinepest auf Deutschland zu verhindern.

„Bund und Länder müssen zeitnah handeln, um den Jägern eine konsequente Reduktion zu vereinfachen”, sagte Werner Schwarz, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), am Freitag bei einer Pressekonferenz in Berlin. Es müsse Aufwandsentschädigungen für Jäger für erlegtes Schwarzwild geben. Zudem sollten die Regelungen in den Staats- und Bundesforsten geändert werden, in denen es teilweise monatelange Jagdruhen gebe.

Der Deutsche Jagdverband (DJV) appellierte an Jäger, vor allem junge Wildschweine zu erlegen, die maßgeblich zur Fortpflanzung beitrügen. „Noch ist das Virus nicht in Deutschland, doch je weniger Wildschweine pro Fläche leben, desto geringer ist im Ernstfall zumindest über Wildtiere die Ausbreitungsgefahr”, erklärte DJV-Präsidiumsmitglied Wolfgang Bethe. Der Bauernverband hält zudem für wesentlich, eine Verbreitung über kontaminierte Lebensmitteln zu verhindern.

Die Afrikanische Schweinepest tritt seit 2014 in den baltischen Ländern und in Polen auf, davor gab es Nachweise in der Ukraine, Weißrussland und Russland. Im Juni vergangenen Jahres wurde der Erreger erstmals auch bei Wildschweinen in Tschechien gefunden. Das Virus ist für Menschen ungefährlich, bei Haus- und Wildschweinen aber verläuft die Erkrankung fast immer tödlich. Einen vorbeugenden Impfstoff gibt es nicht.

Der Bauernverband betrachte die Ausbreitung nach Westen mit „größter Sorge”, hieß es vom DBV. „Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit der höchsten Wildschweindichte.” Eine Einschleppung würde demnach bedeuten, dass Deutschland kein Schweinefleisch aus der Tiermast mehr in Länder außerhalb der EU exportieren könne. Dieser Handel sei aber sehr wichtig, da solche Staaten Teile wie Pfoten, Ohren und Speck nachfragten, die von deutschen Verbrauchern nicht verzehrt würden. Zudem drohe ein dramatischer Preisverfall für Schweinefleisch.

Im zurückliegenden Jagdjahr hatten Deutschlands Jäger 589.417 Wildschweine erlegt oder sie verendet gefunden (4 Prozent), wie der Jagdverband am Freitag mitteilte. „Das ist der vierthöchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen in den 1930er Jahren.” Derzeit liege der Bestand im Frühjahr bei geschätzt 300.000 bis 450.000 erwachsenen Wildschweinen, sagte Torsten Reinwald, Sprecher und stellvertretender Geschäftsführer des Verbandes. „Ohne Jagd würde der Bestand jedes Jahr um rund 250 Prozent anwachsen: Dort, wo heute 100 Schweine leben, wären es im darauffolgenden Jahr 350.”

70 Prozent der Wildschweine in Deutschland müssten abgeschossen werden, hatte DBV-Vizepräsident Schwarz der „Rheinischen Post” gesagt. Auch die Tötung von Muttertieren und Frischlingen müsse erlaubt werden. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) stimmte zu. „Eine intelligente Reduzierung des Wildschweinbestandes spielt eine zentrale Rolle bei der Prävention”, sagte er. Auch die Schonzeiten für Wildschweine müssten aufgehoben werden.

Der Jagdverband forderte mehr Schneisen vor allem in Maisfeldern für höhere Abschusszahlen. Solche 15 bis 20 Meter breiten Streifen in den Feldern erleichterten die Jagd erheblich, sagte DJV-Sprecher Reinwald. Schon bei der bevorstehenden Aussaat im Frühjahr sollten Landwirte gezielt Jagdschneisen mit Wildkräutern statt Mais anlegen.

Dabei sei auch die Politik gefragt, betonte Reinwald. Derzeit legten viele Landwirte wegen bürokratischer Hürden keine Schneisen an. Würden auf den Streifen Wildkräuter ausgesät und Ende Juli für Biogasanlagen geerntet, bringe das Landwirten, Jägern, Brutvögeln und Insekten etwas. „Die Wildschweine gehen Ende Juli in den Mais, dann helfen die kahlen, hellen Streifen beim Abschuss”, erklärte Reinwald. Die Streifen gälten aber nicht mehr als ökologische Vorrangflächen, wenn sie abgeerntet würden. Zudem müssten Landwirte die Gesamtfläche der Schneisen oft exakt angeben, was viel Rechnerei bedeute. „Die Politik muss da Lösungen präsentieren.”

Fallen müsse auch eine weitere bürokratische Hürde, forderte Reinwald: das Jagdverbot in vielen Naturschutzgebieten. „Gerade in Schilfflächen stapeln sich Wildschweine förmlich und vermehren sich.” Die Umweltschutzorganisation WWF hält das nicht für sinnvoll. „Der Ruf nach Jagd in Naturschutzgebieten ist purer Aktionismus und lenkt von den Ursachen der großen Bestandsdichte von Wildschweinen ab”, sagte Moritz Klose, Wildtierexperte beim WWF Deutschland. Die Zahlen gingen durch die Decke, seit der großflächige Anbau von Mais und Raps stark zugenommen habe. „Jagd allein wird den Bestand weder kurzfristig noch dauerhaft ausreichend senken”, betonte Klose. „Wir brauchen wieder mehr Vielfalt in den Anbauflächen und deutlich weniger Mais- und Rapswüsten.”

Auch Reinwald vom Jagdverband sieht im Wandel der Landwirtschaft eine Hauptursache für die größeren Bestände. „Der Getreideertrag pro Fläche ist heute fast dreimal so hoch wie vor etwa 60 Jahren.” Das bedeute dreimal mehr kalorienreiches Futter für Wildschweine. „Zudem hat sich die Anbaufläche von Raps und Mais um etwa das 26-Fache vergrößert.”

(Von Annett Stein, dpa)
Zur Startseite Mehr aus Wissenschaft

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen