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Wie die junge Kronbergerin Sarah Kistner zur Ausnahmeläuferin wurde: Aus dem Herzen der Natur

Von Aus gutem Grund haben die TZ-Leser sie schon zweimal zur „Sportlerin des Jahres“ gewählt. Sarah Kistner gilt als die beste Läuferin, die es im Hochtaunus je gab. Wir haben sie besucht.
Hoch in den Bergen, wie hier beim Aletsch-Halbmarathon, macht Sarah Kistner das Laufen am meisten Spaß. Das Ziel ist übrigens am Gipfel, der im Bildhintergrund zu sehen ist. Foto: Winfried Stinn Hoch in den Bergen, wie hier beim Aletsch-Halbmarathon, macht Sarah Kistner das Laufen am meisten Spaß. Das Ziel ist übrigens am Gipfel, der im Bildhintergrund zu sehen ist.
Kronberg. 

Am liebsten nimmt sie es mit den Bergen auf. Da gewinnt sie immer. Das ist nicht selbstverständlich, denn das Pensum, das Sarah Kistner im Urlaub zu Fuß zurücklegt, wäre von manchem Normalsterblichen schlichtweg nicht zu bewältigen.

Neulich ist sie im Zillertal einen 3000er hinauf gekraxelt. „Wandern mit leichter Kletterei“, beschreibt die 19-jährige Kronbergerin diesen Ausflug im Aktivurlaub beiläufig, ohne damit anzugeben. Es war nicht die einzige Tour dieser Art. 18 100 Höhenmeter in neun Tagen haben die Kistners absolviert.

Immer an ihrer Seite: Mutter Sabine. Ohne ihr Zutun hätte Sarah Kistner vielleicht gar nicht gemerkt, dass sie so gut ist. Experten bezeichnen sie heute als größtes Talent im Langstreckenlauf mit Wurzeln im Hochtaunus. Erst in letzter Zeit ist es recht still um die junge Frau geworden.

Wer das Elternhaus in Kronberg betritt, nahe von Berg und Wald, der weiß gleich, worum sich im Hause Kistner vieles dreht. Es stapeln sich die Laufschuhe im Regal neben der Haustür. Sie sind mehrstöckig nebeneinander platziert, in verschiedenen Farben, mit unterschiedlichen Profilen.

Schuhe im Wechsel

Sarah Kistner schmunzelt. Kaum ein Gast, der das Haus mit den gemütlichen Holzmöbeln betritt, dem es nicht auffällt. „Zwischen drei und vier Schuhen wechsele ich immer, das Material nutzt sich ja ab“, erzählt sie. Die zweimalige „Sportlerin des Jahres“ im Hochtaunus hat dabei ein Lächeln auf den Lippen, weil sie gerne von ihrer Leidenschaft erzählt, die sie nahezu täglich auslebt, am liebsten schwitzend im Taunus. Sie ist so schlank und zierlich, wie man Langstreckenläuferinnen aus dem Fernsehen kennt. Die junge Frau mit den blonden Locken ruht in sich, was auch als Zurückhaltung interpretiert werden könnte.

Sarah Kistner: Erfolge und Zeiten

Sarah Kistner liebt es, in der Natur zu laufen. Dabei kann es ihr nicht steil und hoch genug sein. Im Berglauf feierte die Kronbergerin bis dato auch ihre größten Erfolge: Sie wurde im Einzel U-20-Europameisterin

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Sie hätte jedoch überhaupt nichts dagegen, wenn sie ebenfalls mal auf dem Bildschirm zu sehen wäre. Das würde nämlich bedeuten, dass sie eines ihrer Ziele erreicht hat.

Auf die Leichtathletik-Europameisterschaften, die 2018 in Berlin über die Bühne gehen werden, kommt die Mathematik-Studentin aber nur auf Nachfrage zu sprechen – wenn es um hohe Ziele geht, die sie schon erreichen könnte (über 10 000 Meter), wenn alles perfekt läuft. Ziele, die aber kein Muss sind und noch dazu weit weg. Aktuell beschäftigt sie sich mehr mit ihren Schuhen.

Ein Fehlgriff

Sie war zu Jahresbeginn in ein Paar geschlüpft, das aus dem Regal schon besser in die Tonne hätte wandern sollen anstatt an ihre Füße. Nach einer Trainingseinheit bei Minustemperaturen und vereister Strecke schwoll ihr linker Fuß an. Die Diagnose: Sehnenanriss. Pause machen, das kann Sarah Kistner aber so gar nicht ab. Also fuhr sie durch die hügelige Umgebung, in der sie sonst läuft, auf dem Mountainbike, um nicht zu viel an Kondition zu verlieren.

Für den ersten Wettkampf in diesem Jahr musste sie sich bis Juni gedulden, er war dann prompt ein erfolgreicher: Sie wurde in Bayerisch Eisenstein deutsche Berglaufmeisterin, mit großem Abstand. Der nächste Lauf hieß Aletsch-Halbmarathon und führte sie in die Schweiz. Das Ziel liegt in 2650 Metern Höhe. Kistners lief auf Rang zwei. Doch schon bald tat die Sehne im Fuß wieder weh.

„Vielleicht war auch alles einfach zu viel“, meint die Berglauf-Weltmeisterin der Altersklasse U 20, die seit jeher noch auf weiteren Hochzeiten tanzt: Crosslauf, Straßenlauf, Bahnlauf – es gibt viele Optionen für ein Ausnahmetalent wie sie. Bisher aber irgendwie keine Ausschlusskriterien.

Was Sarah Kistner dann tat, als sie erstmals in ihrer Karriere verletzungsmäßig gebeutelt wurde, erzählt viel über sie und das Gefühl für ihren Körper, das sich bereits in jungen Jahren wohl nur so entwickelt, wenn man sich selbst fast jeden Tag so viel abverlangt. Sie pfiff auf medizinischen Rat und nahm die Einlagen, die sie noch im Vorjahr verschrieben bekommen hatte, wieder aus den Schuhen heraus.

20 Kilometer ohne Wasser

„Ich laufe lieber natürlich und fühle mich damit besser“, sagt Kistner. Seitdem schmerzt die Sehne kaum noch. Seit Wochen trainiert sie wieder normal, also fünf bis sieben Mal pro Woche. 10 Kilometer läuft sie immer mindestens. Erst für eine Distanz von 20 und mehr nehme sie sich Wasser mit. In ein Gewitter, wie es beim Interview inzwischen wütet, käme sie nie. Wenn sie die dunklen Wolken kommen sieht, läuft sie eben schnell nach Hause. Vom Altkönig benötigt sie eine gute Viertelstunde.

Kistners Trainingsrückstand ist freilich zu groß geworden, um in dieser Saison noch irgendwo Bäume ausreißen zu können. Die Trainingsplanung bespricht die Athletin des MTV Kronberg mit Martin Lütge-Varney, der selbst mit Begeisterung lange Distanzen in Windeseile läuft. Seine Erfahrung und die freundschaftliche Beziehung zu ihm schätze Kistner.

Sie gehört den sogenannten Elite-Junioren an, die von der Deutschen Sporthilfe finanziell unterstützt werden. Das weiß die Studentin sehr zu schätzen. Auch die Angebote, die ihr als Bundeskader-Mitglied des Deutschen Leichtathletik-Verbandes offen stehen: Leistungsdiagnostik, Lehrgänge, Trainingslager. Am liebsten ist sie aber ihr eigener „Herr“. Läuft einfach drauflos, rein in die Natur, alleine.

Anfangs ist sie noch bei Mutter Sabine im Schlepptau gewesen. Das ist gerade mal fünf Jahre her. Viele Laufschuhe lagerten im Hause Kistner schon, bevor die älteste Tochter ihre Sportkarriere begann. Zu den Hühnerbergwiesen und wieder zurück, „da wollte ich irgendwann auch mal mit“, erzählt Sarah Kistner. Der erste Dauerlauf ging über sechs Kilometer. Die geübte Mama musste nicht wirklich bremsen. Töchterchen Sarah hielt locker mit.

Erster Lauf, erster Sieg

Ihren ersten Wettkampf absolvierte Sarah Kistner noch im gleichen Jahr. Für die 20 Kilometer, die der Altköniglauf beträgt, habe sie 1:27 Minuten gebraucht. Das weiß sie noch. Sie gewann die Frauen-Konkurrenz – mit 14. Sie habe damals gleich Blut geleckt, erzählt die Langstreckenspezialistin. Gegen andere um den Sieg zu laufen, treibe sie seitdem an. Ein Jahr später trat sie dem MTV Kronberg bei, und ein weiteres Jahr danach, 2014, war sie schon Weltmeisterin. Mit der deutschen U-20-Mannschaft im Berglauf. Im Einzel holte sie Silber.

Da sie seltener auf der Bahn unterwegs ist – „zu oft wäre langweilig“ – dafür aber umso mehr in Volksläufen mit gemischten Starterfeldern, hängt die Kronbergerin auch regelmäßig Männer ab. Für die meisten sei das kein Problem, und mit unfairen Aktionen – Männer liefen manchmal so, dass sie erstmal nicht vorbei käme – würde sie fertigwerden, erzählt die junge Frau mit einem Lächeln.

Umso mehr genießt die Ausnahmeläuferin aus dem Taunus das Kontrastprogramm. Alleine mit sich selbst, am besten auf Waldwegen, ohne Musik, die lenke zu sehr ab.

Was ihr am Laufen so viel Spaß mache? Die Antwort kommt prompt: „In der Natur zu sein.“

Mit Mama Sabine joggt die deutsche Berglaufmeisterin immer noch hin und wieder, auch Papa Detlef ist manchmal ihr stiller Begleiter. Allerdings auf dem E-Bike.

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