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Kunstturnen: Wenn Kinder über sich hinauswachsen

Von Der Turnbock und das Seitpferd sind teilweise größer als die Turner selbst. Überhaupt kein Problem. Trainer Ralf Schwabe zeigt den Jungs, wie’s geht. Eine Reportage über die jüngste Leistungsgruppe der SGK Bad Homburg.
Ein Grätschsprung über den Turnbock – nichts leichter als das. Bilder > Foto: Heiko Rhode (Heiko Rhode) Ein Grätschsprung über den Turnbock – nichts leichter als das.
Kirdorf. 

Davis springt gerade über seinen eigenen Schatten und empfindet es gar nicht so. Er macht einfach nur das, was Herr Schwabe ihm rät. Anlaufen, mit dem letzten Schritt aufs Sprungbrett hüpfen, und dann mit beiden Beinen gleichzeitig abspringen. Wie ein Känguru. Die Arme nach vorne ausstrecken. Mit den Händen auf der ledernen Oberfläche abstützen, die Beine grätschen.

Davis landet auf der Weichbodenmatte, er steht den Sprung, erntet das Lob seines Trainers und läuft zur nächsten Station, als ob nichts gewesen wäre. Der blonde Junge mit dem Dauergrinsen ist gerade zum ersten Mal über einen Turnbock gesprungen, der fast so groß ist wie er selbst: 1 Meter. Davis misst 1,05 Meter. Als Fünfjähriger ist er mit Louis das Nesthäkchen in der Turngruppe Jahrgänge 2009 bis 2011 von Ralf Schwabe. Für die SGK Bad Homburg treten die fittesten Talente am morgigen Sonntag in der Turngau-Schüler-Liga in der heimischen Sporthalle am Gluckensteinweg an. Um 9 Uhr geht’s in fünf Altersklassen los. Hauptkonkurrent ist der TV Weißkirchen.

Davis und Louis werden noch nicht dabei sein. Schwabe hat die Buben erst im Frühjahr „entdeckt“. Der freiberufliche Turnlehrer wirbt in Vereinen und Kindergärten für sein Sichtungstraining, das immer im Rahmen von Trainingslagern stattfindet, die der Kirdorfer Verein in den Ferien anbietet.

Wie er Talente erkennt, darüber kann Schwabe stundenlang referieren. Tut er als Lehrreferent und Trainerausbilder auch regelmäßig. Kurz soll der 57-jährige Thüringer erklären, was eigentlich gar nicht kurz geht. Wie er ein Talent erkennt? Die Motorik könnte durch einfache Übungen leicht überprüft werden, anatomische Merkmale seien ohnehin schnell festzustellen, sagt Schwabe. Aber auch die Auffassungsgabe, das Sozialverhalten, die Motivation machten das Talent eines Kindes aus.

Alexander ist als nächstes dran und schaut bedrückt drein, bevor er anläuft. Seine Schritte sind schwer, kurz vor dem Sprungbrett stoppt der Junge. Er ist den Tränen nahe, kann sie aber unterdrücken. Schwabe steht neben der Weichbodenmatte und ermuntert ihn zu einem weiteren Versuch. Er hat ihn auch schon Sprünge meistern sehen. Doch den Mut kann der Junge heute nicht aufbringen. Er scheitert erneut. Beim Vorbeilaufen erntet er von Louis, der deutlich jünger ist, einen aufmunternden Klaps.

Trost und Druck

Den Kindern Angst zu nehmen, sagt Schwabe, funktioniere nur über den Mittelweg. Es müsse eine Mischung aus Trost („Komm, das packst du schon“) und Druck („Jetzt aber los“) sein. Bei Alexander klappt das diesmal nicht. Macht nichts. In so jungen Jahren, erklärt Schwabe, seien die Bewegungsabläufe noch nicht automatisiert. Es käme auf die Turnintelligenz des Einzelnen an, und die wiederum werde durch regelmäßiges Training verbessert. Von den letzten Montag- und Freitag-Einheiten habe Alexander nicht alle mitmachen können. Und plötzlich sei der Sprung zur Kopfsache geworden. „Wir müssen wieder von vorne anfangen, aber das wird schon“, sagt Schwabe.

Der Mann im orangen T-Shirt, der halblangen Stoffhose bis über die Knie und den weißen Turnschlappen lebt für den Turnsport. Er hat sich einen exzellenten Ruf innerhalb des Deutschen Turnerbundes erworben und viele Erfolge erzielt. Gerade gewannen seine SGK-Talente beim Deutschen Turnfest in Berlin wieder nationale Titel. Neun seiner Schützlinge gehörten derzeit dem Nachwuchsleistungszentrum in Frankfurt an. Mit dem Zusammenspiel von Charaktereigenschaften wie Freundlichkeit und Zielstrebigkeit ist er bei den Kindern absolute Respektperson.

Zweieinhalb Stunden hat das SGK-Training gedauert. Nicht älter als acht Jahre sind die Teilnehmer, die am Boden, am Barren, dem Seitpferd, den Ringen, dem Reck und am Sprung geübt haben. Aus der Reihe ist keiner getanzt.

Als die Jungen sich nebeneinander aufstellen und der Trainer das Ende ankündigt, ist die Enttäuschung nicht zu überhören. Jetzt schon? Schwabe verleiht zwei Medaillen für die „Turner des Tages“. Die Jungen treten vor und bekommen sie um den Hals gehängt. Am Sonntag träfe sich die Gruppe um 9 Uhr umgezogen in der Halle, sagt der Trainer. Pünktlich. „Auf einen guten Wettkampf, mit dem ich zufrieden bin. Dann könnt ihr es auch sein.“ Heute habe die Gruppe sehr gut aufgepasst, lobt Schwabe, viel besser als am Montag. „Wahrscheinlich, weil Alexander da war“, sagt Schwabe. Alexander lächelt.

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