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Gespräch zu Sportverletzungen: „Dann kann’s gefährlich werden“

Vier Wochen bis zwölf Monate: Wenn das Kreuzband geschädigt wird, muss sich der Betroffene auf unterschiedlich lange Regenerationszeiten einstellen.
Physiotherapeut Matthias Sauer aus Bad Homburg. Bilder > Physiotherapeut Matthias Sauer aus Bad Homburg.
Hochtaunus. 

Andreas Toba hat ein Thema in den Fokus gerückt, mit dem der deutsche Olympia-Turner gerne gar nichts zu tun hätte: Sportverletzungen. Toba sorgte für einen der Momente bei den Sommerspielen in Rio, als er sich trotz eines Kreuzbandrisses in den Dienst seiner Mannschaft stellte und seine noch ausstehende Übung am Seitpferd dennoch turnte. Wagemut? Irrsinn?

„Warum nicht? Geht doch“, stellt Matthias Sauer die Gegenfrage und gibt die Antwort gleich dazu. Der Mann kennt sich mit Sportverletzungen aus. Sauer ist studierter Physiotherapeut und betreibt mit Kollegen die Bad Homburger Praxen „Am Kurhaus“ und „Am Gesundheitscampus“, in denen Menschen nach Sportverletzungen behandelt werden.

Gut möglich, dass auch bald der eine oder andere Fußballer des TSV Vatanspor Bad Homburg bei ihm auftaucht. Gleich mehreren wurde jüngst der abgenutzte Kunstrasen im Sportzentrum Nordwest zum Verhängnis. Auch in puncto Verletzungsgefahr für Fußballer weiß der 40-Jährige Interessantes zu berichten. TZ-Redakteur Thorsten Remsperger hat ihm die Fragen gestellt.

 

Turner Toba war mit gerissenem Kreuzband noch zur Höchstleistung im Stande. Wie ist das möglich?

MATTHIAS SAUER: Schauen Sie sich mal die Turner genau an. Manche haben ausgeprägtere Oberarme als Waden. Es gibt mehrere Geräte, an denen Dynamik fast nur über die Arme abläuft. Das Seitpferd ist so ein Gerät. Nur der Abgang von Toba ging auf die Knie. Aber wenn das Kreuzband mal durch ist, dann kann es auch nicht mehr kaputt gehen.

 

Warum ist der Kreuzbandriss eine so schwerwiegende Verletzung?

SAUER: Zunächst einmal besteht das Kreuzband aus recht dünnem Gewebe – wenn man es in zwei Händen hielte, könnte man es relativ leicht auseinanderreißen. Wenn das vordere oder hintere Kreuzband lädiert und das Knie instabil ist, wird operiert. Dabei wird aus anderen Sehnen des Körpers ein Implantat geformt. Viele Menschen meinen, das sei der Ersatz für ihr Kreuzband, aber eigentlich ist das Implantat nur eine Art „Zellstraße“, in die wieder Blutgefäße, Nervenbündel und Bindegewebezellen einwachsen. Dies ist der Grund, weshalb die Rehabilitation so lange dauert.

 

Wie viel Zeit sollte man sich für die Regeneration nehmen?

SAUER: Es gibt Sportler, die sind nach vier Wochen wieder fit. Lothar Matthäus zum Beispiel hatte mehrere Kreuzbandrisse, so das er es gegen Ende seiner Karriere gar nicht mehr flicken ließ. Die Muskulatur kann die Belastung auffangen, wenn das Knie nicht instabil ist. Das Kreuzband übernimmt nämlich nur eine ganz geringe Haltefunktion, dafür erfüllt es hohe sensorische Aufgaben.

 

Und wenn operiert werden muss?

SAUER: Die OP mitgerechnet, sechs Monate mindestens. Für die vollständige Wundheilung sind aber neun bis zwölf Monate zu empfehlen. Man geht von einem 350-tägigen Heilungszyklus aus. So lange sollte der Sportler auch eine Bandage tragen. Noch ein halbes Jahr nach einem Bänderriss ist die Wahrscheinlichkeit, wieder umzuknicken, sieben Mal so hoch als normal.

 

In Bad Homburg hat der TSV Vatanspor Bad Homburg eine Diskussion entfacht, weil dessen Verantwortlichen mehrere Sportverletzungen innerhalb kürzester Zeit auf den Kunstrasenplatz am Sportzentrum Nordwest zurückführen. Welcher Belag ist denn der gesündeste für die Gelenke der Fußballer? Naturrasen, Kunstrasen oder doch der gute alte Hartplatz?

SAUER: Ich würde sagen, der Naturrasen, weil er leicht nachgibt und das ein natürlicher Vorgang ist. Beim Kunstrasen kommt es ganz auf den Unterboden an. Manche haben ja einen Schwingboden darunter, manche ein festeres Fundament. Auf die Abnutzung des Belags ist zu achten. Das passende Schuhwerk der Spieler spielt auch eine Rolle. Je fester der Fußballer im Boden steht, desto weniger rutscht er weg. Allerdings schützt das bei einem Sport mit Fremdeinwirkung nicht vor Verletzungen, denn wenn eine solche plötzlich eintritt, gibt es bei festem Stand wenig Möglichkeiten zur Kompensation, und der Spieler kann umknicken.

 

Wie kann sich ein Kicker denn am besten schützen?

SAUER: Eine große Rolle spielt das richtige Training. Mehr als die Hälfte der Verletzungen, die in einem Spiel auftreten, passieren ja nach der 70. Minute, wenn die Spieler müde werden. Also gilt es, die richtigen Trainingszyklen zu wählen. Am besten der ersten Wochenhälfte Intervalle laufen und nicht freitags die Mannschaft zu sehr fordern, wenn sonntags das nächste Spiel ist. Hilfreich ist es auch, wenn auf dem Belag gespielt wird, auf dem man trainiert.

 

Was können Trainer ihren Schützlingen noch Gutes tun, dass sie möglichst verletzungsfrei bleiben?

SAUER: Timing oder Koordination üben. Der sogenannte Feed-Forward-Mechanismus ist sehr entscheidend bei der Entstehung von Verletzungen. Gemeint ist damit die frühzeitige Steuerung von Bewegungen durch das Gehirn. Wenn eine Bewegung falsch geplant wird, passieren im Spiel die Verletzungen ohne Fremdeinwirkung. Jeder, der öfters Wasserkästen in den Keller trägt, wird das kennen. Plötzlich verschätzt man sich bei der Anzahl der Stufen und macht einen zu großen Schritt. Dann kann’s gefährlich werden.

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