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In Mainz wächst ein Kräutergarten wie einst im Mittelalter: Alte Kräuter neu entdeckt

Von Das geheime Kräuterwissen des Mittelalters – in Mainz wurde es 1485 zum ersten Mal als gesammeltes Werk herausgegeben. Der „Gart der Gesundheit“ ist die Mutter aller Kräuterbücher, heute völlig unbekannt. Jetzt hat der Botanische Garten in Mainz dieses Werk wieder lebendig werden lassen.
Mainzer Botaniker gestalten Kräutergarten Bilder > Foto: Andreas Arnold (dpa) Der Kustos des botanischen Gartens der Uni Mainz, Ralf Omlor, mit einem Nachdruck des Buches „Gart der Gesundheit“ neben einer weiß blühenden Staude Bulgarischer Rhabarber. Präparate aus dieser Pflanze werden zur Behandlung von Wechseljahresbeschwerden eingesetzt.
Mainz. 

Es war 1484, als Johann Wonnecke von Kaub als Stadtarzt nach Frankfurt kam, im Gepäck hatte er da das Manuskript für einen der ersten Bestseller der Buchdruckgeschichte: Der „Gart der Gesundheit“, 1485 in Mainz veröffentlicht, war Jahrhunderte lang ein überaus beliebtes Werk. „Der ’Gart der Gesundheit’ ist die Mutter aller Kräuterbücher schlechthin, das ist der Prototyp, aus dem sich die anderen weiterentwickelten“, sagt Ralf Omlor.

Der Botaniker ist wissenschaftlicher Leiter des Botanischen Gartens in Mainz, vor etwa 15 Jahren entdeckte er in den Regalen der Fachbereichsbibliothek ein unscheinbares und sehr altes Buch. Ein Kräuterbuch von 1485? So alt – und in Mainz gedruckt? Omlor staunte nicht schlecht, und er begann zu recherchieren.

Adel und Bürgertum

Die kurfürstliche Residenzstadt Mainz war damals ein reicher Sitz von Adel und Bürgertum, 1477 hatte Kurfürst Adolf II. gerade die Mainzer Universität gegründet. Die Stadt besaß eine Fülle von Klöstern – Klöster aber waren im Mittelalter die Bewahrer von Wissen und der Medizin. Im Mittelalter hieß das: Kräutermedizin, und das war auch die Medizin des Volkes. Die berühmte Klosterfrau Hildegard von Bingen brachte schon 1150 in ihrer Schrift „Physica“ das Heil-Wissen aus antiken lateinischen Schriften mit dem Volkswissen über die Kräuterkunde zusammen.

Mainzer Botaniker gestalten Kräutergarten
Sommerfest am 12. Juni

Sauerampfer vertreibt Spulwürmer, und Knoblauch ist gut gegen Läuse: Über Jahrhunderte hinweg verließen sich die Menschen auf Heilmittel aus der Pflanzenwelt.

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1485 dann hatten sich drei wichtige Personen in Mainz zusammengetan: Der Mainzer Domdekan Bernhard von Breidenbach war der Ideengeber, Wonnecke der Autor – und Drucker war niemand anderes als Peter Schöffer. Der Buchdrucker war Mitarbeiter Johannes Gutenbergs gewesen und übernahm nach dem Bankrott des Meisters dessen Werkstatt.

Johann Wonnecke war Leibarzt von Kurfürst Adolf, sein Auftrag: „Das gesamte Heilmittelwissen des ausgehenden Mittelalters für den Buchdruck erstmals in deutscher Sprache zusammen zu fassen“, sagt Omlor. Und so wertete Wonnecke die klösterliche Kräutermedizin ebenso aus wie Volksmedizin und Aberglaube und die antiken Meister der arabischen und griechisch-römischen Tradition. 380 Heilpflanzen sowie 25 tierische Wirkstoffe und 28 Mineralien werden in dem „Gart der Gesundheit“ in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt, „die umfangreichste Behandlung bis zu diesem Zeitpunkt“, sagt Omlor. Die Empfehlungen haben Generationen von Menschen beeinflusst. Bis ins 18. Jahrhundert hinein erschienen mehr als 60 Nachdrucke und Bearbeitungen. Mit seinen oft sehr naturnahen Abbildungen stehe der „Gart der Gesundheit“ an der Schwelle zu den Anfängen der wissenschaftlichen Botanik, sagt Omlor.

Aufgelistet werden vor allem die medizinischen Verwendungen der Kräuter, flankiert von detailgetreuen Abbildungen. Im Kapitel über den Knoblauch heißt es etwa: „Mit Knoblauchsaft geschmieret das Haupt tötet die Läuse und auch die Nissen darauf.“ Auch bei anderen Pflanzen machen therapeutische Empfehlungen deutlich, mit welchen Leiden sich die Menschen vor mehr als 500 Jahren herumplagen mussten: Der Samen von Sauerampfer soll als Mittel zur Vertreibung von Spulwürmern wirksam sein. In Natursteinplatten in der Mitte des Mainzer Themengartens wurden die Darstellungen von Holzschnitten aus dem Kräuterbuch eingemeißelt.

Ratschläge für heute

Wer nach einem Besuch auch in der Natur einzelne Pflanzen wiederfindet wie etwa den Borretsch mit seinen schönen blauen Blüten, kann auch heute noch dem Rat im „Gart der Natur“ folgen: „Borretschblumen roh gegessen nimmt das Herzzittern und macht den Menschen wohlgemut.“

Das Werk wurde zur Grundlage aller weiteren Kräuterbücher – und zum Anfang der Botanik. Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden die ersten Botanischen Gärten, zur Ausbildung der Ärzte und aus den Vorlagen der Kräuterbücher. Heute verwendbar sei der „Gart der Gesundheit“ aber kaum, meint Omlor, zu sperrig sei der Text, zu schwer verständlich. Der letzte Nachdruck des Werks aber stammt immerhin von 1966 – nun ist der „Gart der Gesundheit“ sogar neu entstanden: 70 Heilpflanzen wurden im Botanischen Garten gepflanzt, beim Sommerfest am 12. Juni (siehe Kasten) kann man das selbst erleben.

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