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Kriminalität: Mordfall Johanna: Gibt es noch mehr Opfer?

Von Wie lange schon der Angeklagte im Mordfall Johanna Bohnacker ein als gestört zu bezeichnendes Verlangen nach kleinen Mädchen hat, zeigt sich bei der Präsentation sichergestellter Beweise. Die 17 Millionen konfiszierten Dateien sind inzwischen gesichtet. Nun prüfen die Ermittler, ob es nicht doch noch eine Dunkelziffer gibt, was die Taten des 41-jährigen Rick J. angeht.
ARCHIV - Polizeibeamte bauen ein großes Plakat auf, mit dem zu Hinweisen im Mordfall der kleinen Johanna Bohnacker aufgerufen wird (undatiertes Handout). Foto: Polizei (dpa) ARCHIV - Polizeibeamte bauen ein großes Plakat auf, mit dem zu Hinweisen im Mordfall der kleinen Johanna Bohnacker aufgerufen wird (undatiertes Handout).
Mordfall Johanna. 

Der Blick auf einen Tisch im Polizeipräsidium Mittelhessen in Gießen erinnert fast an einen Ausflug ins Technik-Museum. Denn vor Roland Fritsch, dem Leiter der Sonderkommission „Johanna“ befinden sich nicht nur alte Computer und Handys, sondern auch VHS-Videokassetten und Floppy-Disketten längst vergangener Jahrzehnte. Ein deutliches Anzeichen dafür, dass sich bei dem Friedrichsdorfer Rick J. schon früh sexuelle Neigungen zu kleinen Mädchen abzeichnete.

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VHS-Kassetten, CDs, Floppy-Disks, alte Computer: Soko-Leiter Roland Fritsch steht vor den sichergestellten Datenträgern.

Ab Ende April/Anfang Mai, so die derzeitigen Schätzungen, wird sich Rick J. wegen Mordes an der damals achtjährigen Johanna Bohnacker verantworten müssen, die am 2. September 1999 in Ranstadt-Bobenhausen entführt, sexuelle schwer missbraucht und getötet wurde. Die Leiche des Mädchens wurde am 1. April 2000 in einem Waldstück bei Alsfeld entdeckt.

Mädchen heimlich gefilmt

„Die Arbeit der Ermittler nähert sich dem Ende“, schildert Fritsch in einer Pressekonferenz in Gießen. Nicht nur die 30 Beamten der Sonderkommission „Johanna“ haben in den vergangenen vier Monaten die rund 17 Millionen sichergestellten Dateien gesichtet, Unterstützung erhielten sie dabei auch von Kollegen der Bereitschaftspolizei.

Was laut Fritsch einen „historischen Abriss der Datenverarbeitung“ darstellt, zeigt, wie lange Rick J. schon kleinen Mädchen nachgestellt hat. „Einen Schwerpunkt der Arbeit bildete der Kontakt des Angeklagten zu Mädchen über soziale Portale im Internet, aber auch andere Aufnahmen von Mädchen auf ihrem Schulweg oder auf Spielplätzen“, schildert Fritsch. Und das seit den frühen 90er-Jahren, als Rick J., damals noch 17 Jahre alt, erstmals aktenkundig wurde, weil er Mädchen nachgestellt hatte.

Laut Fritsch sind es Kontakte und Aufnahmen im „hohen zweistelligen Bereich“, die die Ermittler nun vor weitere Aufgaben stellte. Denn es lag nun an ihnen, die Mädchen von damals aufzuspüren und herauszufinden, ob ihnen etwas passiert ist. Einen Teil der Mädchen im Chat oder auf Handy-Videos haben die Beamten auch ausfindig gemacht, beschreibt Fritsch, auch wenn man sicherlich nicht alle identifizieren können. „Glücklicherweise haben diese bislang keine Erkenntnisse auf weitere Taten erbracht“, atmet Fritsch auf. Auch zu den heimlich aufgenommenen Mädchen habe im Nachgang nach den bisherigen Erkenntnissen keine Kontaktaufnahme stattgefunden.

Während sich die Chat-Kontakte auf die ganze Republik verstreuen, wurden die heimlichen Aufnahmen überwiegend in der Region Mittelhessen gefertigt, fügt Fritsch an. Trotzdem haben die Ermittler auch weiterhin in alle Richtungen ermittelt und alle Polizeidienststellen in Deutschland angeschrieben, sie nach bislang ungeklärten Fällen von Kindesmissbrauch und eventuell Mord nach ähnlichem Muster befragt.

Fritsch: „Wir haben viele Hinweise bekommen und umfassende Überprüfungen eingeleitet. Bislang hat sich aber kein Tatverdacht gegen den Angeklagten ergeben. Das betrifft auch die Fälle Melanie Frank und Annika Seidel. Die damals 13-jährige Frank wurde im Juni 1999 in Wiesbaden entführt, erst zehn Jahre später fanden Forstarbeiter ihre Leiche in Rheinland-Pfalz.

Soko wird aufgelöst

Annika Seidel ist bereits im September 1996 im Alter von elf Jahren in Kelkheim verschwunden. Da keine Leiche gefunden wurde, gilt sie noch immer als vermisst. „Belastbare Indizien für eine Verbindung zum Angeklagten gibt es nicht“, sagt dazu Roland Fritsch.

Seine Sonderkommission soll nun schrittweise abgebaut und Ende März aufgelöst werden. Die hatte unter anderem noch im November eine Video-Rekonstruktion der Tat in Ranstadt erstellt, die auch vor Gericht zur Anwendung kommen soll. Weitere Ermittlungen fallen danach – wenn nötig – in die Zuständigkeit der Gießener Kriminalpolizei. Doch beim Prozess vor der Strafkammer des Landgerichts Gießen werden die über die vergangenen Monate beanspruchten Einsatzkräfte sich dann noch einmal zu jenen Szenen äußern müssen, die sie auf Video angesehen haben.

Denn dazu gehört unter anderem jener Fall, der zur Festnahme von Rick J. führte. Im August 2016 verging sich der jetzt Angeklagte an einer damals 14-Jährigen in einem Maisfeld bei Nidda, hatte sie ähnlich wie bei Johanna 17 Jahre zuvor gefesselt. Rick J. wurde von herbeigerufenen Männern gestellt. Ein Handy-Video, von Rick J. aufgenommen, zeigt dies alles.

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