Der Main als Zauberfluss

Frankfurt ist die Stadt der Dichter und Denker. Das Problem ist nur, dass dies außerhalb der Stadt noch niemand so richtig realisiert hat. Professor Hilmar Hoffmann, der Vater des Museumsufers, räsoniert in diesem Gastbeitrag über die Bedeutung von Frankfurter Kultur.
Das Frankfurter Museumsufer - einmalig in Deutschland und Glanzlicht der Kulturszene der Stadt. Neben diesem Glanzlicht sorgen eine ganze Reihe von weiteren kleineren Kulturinstitutionen für die intellektuelle Unterhaltung der Bevölkerung. Foto: Rüffer Foto: Rainer Rüffer (Rueffer) (Rainer Rüffer (Rueffer)) Das Frankfurter Museumsufer - einmalig in Deutschland und Glanzlicht der Kulturszene der Stadt. Neben diesem Glanzlicht sorgen eine ganze Reihe von weiteren kleineren Kulturinstitutionen für die intellektuelle Unterhaltung der Bevölkerung. Foto: Rüffer

Frankfurt ist die Stadt der Dichter und Denker. Das Problem ist nur, dass dies außerhalb der Stadt noch niemand so richtig realisiert hat. Professor Hilmar Hoffmann, der Vater des Museumsufers, räsoniert in diesem Gastbeitrag über die Bedeutung von Frankfurter Kultur jedweder Ausprägung.

Frankfurt. Seit jener verklärten Idylle der Goethezeit, als noch «der schöne Fluss die Liebe» unseres großen Dichters «auf und abwärts zog», säumen den fünfhundert Kilometer langen Mainlauf heute keine grandioseren Gestade als die unseres Museumsufers. Mit der Kulturalisierung beider Uferflanken durch eine einzigartige kulturelle Fülle von siebzig (!) Museen und Galerien, Theatern, Bibliotheken, Literaturhaus und Oper, fast alle in ästhetisch stilvollen Architekturen aus vormaliger und heutiger Zeit, lädt ein einzigartiger kultureller Kosmos zum Verweilen ein. Der Main ist zu einer Art Zauberfluss mutiert, an dessen Ufern der Phantasie und der Erkenntnis sich vielleicht gar manches ästhetische oder gesellschaftliche Glücksversprechen einlösen ließe.

Kulturelles Flair

Am Sachsenhäuser Ufer verführt eine Perlenkette kleiner und großer, innerer und äußerer Erlebniswelten inmitten von Goethes «herrlich leuchtender Natur» vielleicht gar manchen Menschen dazu, wie weiland den Benjaminschen Flaneur, hier sein Arkadien zu erträumen.

Aber Frankfurts kulturelles Flair speist sich nicht nur aus den Spitzentönen, die aus Bernd Loebes Opernhaus unsere Ohren betören oder vom Zauber der schönen Frauenbilder Botticellis unsere Augen in Max Holleins Städel. Auch die vielen kleineren am Rande der Existenz operierenden Theater, Bands, Jazzkneipen erfreuen die Menschen bis in die Peripherien hinein, bis in den Höchster Bolongaropalast mit Michael Quast.

Oder auf der Mainzer Landstraße die Romanfabrik, in der Nieder Schmittstraße das Forsythe-Tanz-Ensemble und «das Bett» oder im Bockenheimer Depot die exquisiten Experimente des Zukunftstheaters; gleich in der Nähe im «Titania» Hinzpeters freies Schauspielensemble auf der Suche nach unkoventioneller Ästhetik.

Oder die Naxoshalle, wo das Pramltheater uns mit Friedrich Hölderlin dramatisch kommt und ebenso wie Dieter Burochs benachbarter Mousonturm erprobt, was die großen Häuser sich nicht zu spielen trauen.

Als Orte der Verständigung zwischen Nationen, Alters- und Bildungschichten sind die Kulturkneipen wie Sinkkasten, Batschkapp, Brotfabrik, Jazzkeller oder das Szenelokal Dreikönigskeller aus der Frankfurter Kulturszene nicht mehr wegzudenken.

Rohlfs Schmiere gehört zu Frankfurt wie Johnny Klinkes Tigerpalast, Rainer Pudenz‘ Kammeroper ebenso wie das Kellertheater oder Herls Stalburgtheater sowie im Westhafen die Theaterlandungsbrücken. Sie alle sind lebensdienliche Fermente der Kommunikation. Ähnliches gilt für die Bürgerhäuser in über zwanzig Stadtteilen, in deren Sälen unsere türkischen, italienischen, spanischen oder die vielen Mitbürger aus anderen nationalen Herkünften ihre kulturellen Wurzeln in Form von Kunst, Theater oder Literatur auf vergleichbar hohem Niveau präsentieren. So kann sarazinische Ignoranz geläutert werden.

Kritische Masse

Frankfurts Rang als einer dem Erbe Goethes, Schopenhauers, Adornos verpflichteten Metropole des Geistes und Stadt der «Kritischen Theorie», bezieht ihr intellektuelles Format und ihr kulturelles Flair auch aus der kreativen Fülle ihrer hier beheimateten Schriftsteller, Maler, Designer, Filmemacher, Redakteure, Professoren und vierzigtausend Studenten sowie den vielen anderen selbstständig denkenden Individuen in den Kanzleien und Büros.

Diese «kritische Masse», die mit ihren formulierten Erwartungen unsere Kultur lebendig hält; ja, diese an der Entwicklung Frankfurts teilhabenden autonomen Köpfe sind das Gewissen unserer Stadt und damit produktiver Teil einer urbanen Kultur «in progress». Deren kritische Resonanz auf die vielen kulturellen Angebote zwingt deren Betreiber zur Überprüfung ihres hedonistischen Niveaus, um darüber das Denken anzuregen.

Vielleicht berührt ja dermaleinst Hölderlins euphorisches Diktum «Frankfurt aber ist der Nabel der Welt» die Nähe dieses frommen Wunsches. Aber es ist ja schon heute eine Lust, ein Bürger Frankfurts zu sein, dieser authentischsten Stadt aller Städte.

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